Kolumne: Hundert Züge auf dem Spielplatz...

Hundert Züge auf dem Spielplatz oder die Schlaflosigkeit der Bücherleser und Bücherdiebe
____________________________________
 
"Ein geringes Maß an Schlaflosigkeit ist nicht ohne Nutzen dafür, den Schlaf
richtig schätzen zu lernen und außerdem sein Dunkel ein wenig aufzuhellen."
(Marcel Proust)
____________________________________

Elektronische Helfer sorgen immer wieder für Überraschungen. Mal erscheinen sie liebenswert, ein anderes Mal freudlos, deshalb sind sie unter Schachspielern zuweilen berühmt wie berüchtigt. Gerald Hertneck (DWZ 2481, MSA Zugzwang 82) wird die Nachricht vom 17. Februar 2011 nicht mehr vergessen, die ihn vormittags im Büro erreichte, jene E-Mail aus Amsterdam, die sich mit einer unverhofften Einladung an ihn richtete, am Batavia-Grolsch teilzunehmen, einem Schachturnier im Café Batavia 1920, mitten im Zentrum der niederländischen Hauptstadt.

An einem Kaffeehausturnier sollte er also teilnehmen, dafür wurde aber ganz besonderes Kaffeehausschach versprochen: ein handverlesenes Rundenturnier mit zehn Teilnehmern, bei dem sich junge aufstrebende Talente mit erfahrenen Großmeistern messen sollten, um eine begehrte Norm zu ergattern. Der Teilnehmerkreis schien längst gefunden zu sein, als Dibyendu Barua, ein indischer Großmeister, plötzlich kurzfristig absagte, sich der Veranstalter also hurtig auf Nachnominierungssuche begab und so in letzter Minute auf Ersatz aus München hoffte. Diese große Hoffnung in einer elektronischen Nachricht hübsch verpackt, landete also so auf Gerald Hertnecks Schreibtisch. Das kleine Problem daran: das Turnier sollte schon am nächsten Tag beginnen, der Münchner hatte noch keinen Urlaub, und dessen Chef war nicht im Haus, um ihn darum zu bitten. Um Amsterdam wenigstens noch in derselben Nacht zu erreichen, müsste er wenigstens noch am frühen Nachmittag aufbrechen. Nach kürzester Überlegung sendete er einen elektronischen Boten ins Schachcafé, schrieb also eine Nachricht zurück, dass er an einer Teilnahme interessiert sei, denn er hatte vorher noch nie ein Turnier in Amsterdam gespielt. Die Urlaubsgenehmigung erhielt er schließlich vom Stellvertreter: "Herr Hertneck, fahren Sie zu ihrem Turnier." Beim Verlassen des Büros traf er doch noch seinen Chef: "Wir sehen uns erst in anderthalb Wochen wieder." Und auch seine Frau, die zu Hause in der Küche gerade das Mittagessen zubereitete, wurde nach kurzer Begrüßung nicht in allzu umständliche Erklärungen verwickelt: "Ich fahre jetzt nach Amsterdam zum Schachturnier."

So mochte es auch Sverrir Thorgeirsson (2185, Haukar Hafnarfjördur) gegangen sein. Der Isländer hatte sich zum ersten Mal zum Äskulap-Turnier angemeldet. Peter Bjarnehag (2176, Solna Schacksällskap) und Thomas Johansson (2179, Uppsala Chess) bewiesen schon im Vorjahr, was das Schachspiel vor allem vermag, nämlich lange Distanzen zu verkürzen. Mit Petter Lindborg (2176, Solna Schacksällskap) kam diesmalig ein weiterer Schwede hinzu. Für Sverrir Thorgeirsson erwies sich jedoch die längste Distanz nicht von Uppsala nach Görlitz, sondern vom Turnierort zum Hotel. Der vollständige Name und die Adresse der Herberge blieben ihm unbekannt und selbst dem ortskundigsten Görlitzer rätselhaft. Immerhin hatte er einen festen Glauben an einen einzigen Buchstaben. Der Name des Hotels sollte mit "A" beginnen. Vielleicht hatte er das Adlon gemeint, denn von Island und selbst von Schweden aus betrachtet liegt es tatsächlich in Görlitz. Kaum verwunderlich, denn The Grand Budapest Hotel liegt ebenfalls dort. Willem Dafoe, Ralph Fiennes, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Tilda Swinton und Owen Wilson haben beispielsweise dort gewohnt, wenn auch nur als Gäste für die Inszenierung einer Hollywoodillusion. Fantastisches bot das Äskulapturnier allemal. Mit 118 Protagonisten, darunter vier Großmeister, acht Internationale Meister und drei FIDE-Meister, war die Jubiläumsauflage beizeiten ausgebucht. Erstmalig entstand eine Warteliste für erwartungsfrohe Spätentschlossene, aber nur Wenigen glückte der Sprung auf die doch begehrtere Teilnehmerliste. Titelverteidiger Gerald Hertneck suchte man auf ihr leider vergeblich. Dafür war nach einem Jahr Pause ein anderer Großmeister erneut in Görlitz zu Gast: Sergei Ovsejevitsch (2530, SK Gau-Algesheim), der in den Jahren 2006 bis 2008 und 2010 das Äskulap insgesamt viermal gewann.

Der Name Pavel Haase (1661, SK PORG Praha) erregte Aufmerksamkeit. Steffen Michel (2109, VfL Gräfenhainichen) wird den Zehnjährigen aus einem anderen Grund nicht so schnell vergessen. Wenn man als 15. der Setzliste am selben Brett auf die Startnummer 114 trifft, kann das völlig bedeutungslos sein, solange es in der Eröffnungsrunde passiert. Da sich dieses ungleiche Aufeinandertreffen jedoch erst in der 3. Runde anbahnte, der so genannte Favorit für das Zustandekommen dieser besonderen Begegnung dafür sogar noch hochzulosen war, obwohl das tschechische Nachwuchstalent mit nur einem Remis auf dem Punktekonto keinen überragenden Start erwischte, musste in den ersten beiden Runden zweifellos einiges schiefgelaufen sein beim Setzlistenfünfzehnten, was die Bedeutung dieser Partie erst allmählich und dann rasant steigerte. Dass Steffen Michel nicht mit dem Rücken zur Wand spielte, lag lediglich an der Farbverteilung. Doch wenn es einmal schlecht läuft, führt der fragende Blick zur Wand nicht zum Seelentrost, schon gar nicht zur Wende, sondern eher zur höhnischen Seite des Schönen, das sich dann gern flüchtig zeigt und genauso schnell wieder verschwindet. Das chancenreiche Springeropfer im Turm-Springer-Endspiel hätte Steffen Michel endlich Zählbares beschert. Die Lösung versteckte sich hinter einem weiteren Opfer, einem Turmopfer mit unwiderstehlicher Hinlenkung. Egal wie der schwarze König auf dieses ungewöhnliche Schachgebot reagiert hätte, der zur Umwandlung überreife Zentrumsbauer war bereit, wahlweise als Dame oder als Springer auf dem Brett zu erscheinen. Doch diese Pointe blieb Weiß gleich zweimal hintereinander verborgen, so dass Steffen Michel im Bauernendspiel mit Minusbauern schließlich zur rettenden Zugwiederholung greifen musste, um wenigstens das erste halbe Pünktchen zu erhaschen. Dass dieses kleine Häschen immer wieder unvorhergesehene Haken schlug, kann nicht einmal in den simpelsten Zusammenhang mit der Namensgebung gebracht werden, wie es jemand am Nebenbrett ausdauernd und gleichzeitig kommentierend beobachtete, so dass aus der sehenswerten Beobachtung zuletzt eine schaulustige wurde.

Thomas Johansson wurde gleich zu Turnierbeginn vom sächsischen U12-Nachwuchsspieler Theo Gungl (1907, USV TU Dresden) bitter überrascht, den er im Mittelspiel eigentlich schon überspielt hatte. Ein abwegiger Turm und ein verwandlungsbereiter e-Bauer spielten hier wiederum als Hauptakteure, allerdings mit farbverschiedener Rollenverteilung, dafür mit umso tragischerem Moment. Die Kraft und Einsicht nach jenem verirrten Fehltritt des Turms, nur zwei Züge später durch Dauerschach wenigstens noch das Unentschieden herbeizuführen, auch hier mit Turmopfer, kam dem Schweden völlig abhanden, weil es doch immer wieder innerlich so unendlich schwerfällt, einfach umzuschalten, sobald eine Partie langsam umkippt, eigentlich nur von Sieg auf Unentschieden, stattdessen der Partieverlauf aber meistens in einer selbstzerstörerischen Schlusssequenz mit der größten Wucht in der kürzesten Zeit vollständig auf den Kopf gestellt wird, als ließe sich das Überleben auf suizidale Weise sichern, wie auch hier, nur fünf Züge vom Scheitelpunkt der Zufriedenheit entfernt, der einst Dominierende im Schwerfigurenendspiel wundersam die Beherrschung verlor und den Verlust eines Turms zu beklagen hatte, obwohl als Gegenwert für jenen Turm kurz zuvor die Punkteteilung möglich erschien. Ähnliches passierte Sverrir Thorgeirsson gegen den sachsen-anhaltinischen U18-Nachwuchsspieler Julius Tobias Heinrich (1872, SV Merseburg). Der Isländer hatte in einem ungleichen Schwerfigurenendspiel mit Springerbegleitung zwar rechnerisch schon zwei Bauern mehr, eine größere und eine kleinere Ungenauigkeit räumten seinem Gegner jedoch auf einmal aussichtsreiche Chancen ein. Der Stellungsvorteil pendelte zunächst in Richtung Ausgleich, doch erst die rotzig-trotzige Ignoranz eines passiven Remisangebots führte zum unabwendbaren Matt, auch in diesem Fall äußerst flott: nur drei Züge später.

Für Nicolas Niegsch (1934, SG 1871 Löberitz) verlief das Äskulapturnier hingegen überragend. Nach locker weggesteckter Auftaktniederlage, die hohe Startnummer 81 gewährte einen großzügigen Kredit, gelangen ihm vier Siege in Folge, einer davon gegen WIM Maria Schöne (2211, SG Aufbau Elbe Magdeburg). Nur Petter Lindborg konnte diesen Lauf kurz stoppen, aber die Schlussrunde gehörte dem U16-Nachwuchsspieler wieder ganz allein. Er krönte sie mit einer Glanzpartie. In einem reinen Schwerfigurenendspiel zerlegte er allmählich Sandra Ulms' (2138, Schachgemeinschaft Leipzig) Drachenvariante. Ein renitenter Keilbauer auf der h-Linie und multiple Ablenkungsmotive gegen den schwarzen König auf anfälliger Grundreihe bescherten Nicolas Niegsch einen brillanten Partieerfolg. Belohnt wurde diese feine Leistung mit dem überraschenden 10. Platz und einem stattlichen Wertzahlzuwachs von knapp 80 Punkten.

Der zwölfjährige Sebastian Pallas (1915, ebenfalls SG 1871 Löberitz) machte mit erstaunlichen Endspielqualitäten bereits in der Eröffnungsrunde auf sich aufmerksam. Schon im 20. Zug verfügte er über das aktivere Spiel, als sein Gegner Steffen Michel noch einer angebotenen Zugwiederholung auswich. Im Turm-Springer-Endspiel vergrößerte sich sein Stellungsvorteil immer mehr, bis er den ersten Bauern eroberte. Kurz vor dem Partieende gaben drei forsche Freibauern den Ton an, die gegnerischen Faulenzer hatte er in der Zwischenzeit alle eingesammelt. Diese Partie sollte nicht der einzige Endspielerfolg bleiben. Torsten Zuther (2046, BSG Grün-Weiß Leipzig) ließ sich beim plumpen Versuch ertappen, den verlorenen Bauern zurückzuerobern. Dafür bestrafte ihn Sebastian Pallas kaltblütig mit einem Qualitätsverlust. Das freundschaftliche Kurzremis gegen seinen Trainer Norman Schütze (2236, SG 1871 Löberitz) diente zum Kräftesammeln, bewies aber auch solide Theoriekenntnis in der Schottischen Eröffnung. In einer verwickelten Partie gegen Dr. Peter Möller (1994, HSG Uni Rostock) wurde er schließlich noch einmal mit einem Turm-Springer-Endspiel konfrontiert. Mit viel Übersicht opferte er in ausgeglichener Stellung einen Bauern für Aktivität, um mit wenigen Figuren, die noch auf dem Brett verblieben waren, einem Turm auf der siebenten Reihe, einem im Zentrum prächtig positionierten Springer und einem giftigen Keilbauern auf der h-Linie, ein kleines, feines Mattnetz zu spinnen, von dem sich der Rostocker tatsächlich beeindrucken ließ. Sebastian Pallas belegte am Ende als Wertungsbester mit vier Punkten den 26. Platz.

Dr. Peter Möller wird sich dagegen mehr versprochen haben als den 68. Platz. Nach drei Runden lag er nämlich mit 2½ Punkten noch sehr aussichtsreich im Rennen. Über sein Tagwerk zeigte er sich auch zufrieden, nur des Nachts beschlich ihn die Sorge, denn wieder machte ihm Schlaflosigkeit zu schaffen. "Ich konnte heute Nacht nur drei Stunden schlafen." Dieses Mal lag es nicht an häuslicher Partievorbereitung bis zur totalen Übernächtigung, sondern an der stampfenden Geräuschkulisse vor seinem geliebten Hotel Tuchmacher. Dunkle Geister stiegen ihm aufs Dach. "Bei uns vor dem Haus ist die ganze Nacht die SA marschiert." Die Schuld daran trägt Markus Zusak, der vor knapp zehn Jahren ein bewegendes Jugendbuch schrieb, das nun mitten in der Osterzeit verfilmt wurde, so dass aus der Ruhe der Nacht Rauch und Getöse entstieg, weißer Schnee sich schwarz färbte, verbrannte Bücherseiten wild durch die Peterstraße flüchteten, mit ihnen auf einmal der fiktive Münchner Vorort Molching aus den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts im Görlitz der Gegenwart erwachte. Dass schien für den gemeinen Görlitzer offenkundig zu viel Transportation zu sein. Die sinistere Mischung aus Tatsache und Fiktion, dekoriert mit finsterster Symbolik, blieb vor allem ein gewagtes Spiel mit dem Feuer. Unschuldige Bücher und schlichte Geister entzündeten sich schnell daran. Selten kursierte in der so genannten Filmstadt eine größere Angst vor gewaltigen und dennoch harmlosen Bildern, die naturgemäß für sich schon eine typisch lächerliche und fiktive Verklemmung ist, erst recht im Vergleich zur Beklemmung, welche die Bücherdiebin im Buch und im Film als existenzielle tatsächlich empfunden haben muss.

Ein Schachbrett in Flammen wirkt immer als Zuschauermagnet, erst recht wenn beide Spieler nur an einer einzigen Sache interessiert sind, alles daran setzen, dass das Feuer nicht erlöschen möge, es immer wieder aufs Neue entfachen, es am Leben erhalten, als ob es auf gar keinen Fall verglimmen darf, wenigstens nicht für diese kleine Ewigkeit. Das Spiel bekam etwas besonders Reizvolles, weil sich so mancher Zuschauer reizen ließ, für den es nicht zugänglich war, dass Talent gelegentlich auch menschelt und seine närrische Seite sucht. Roven Vogel (2043, Siebenlehner SV) und Annabelle Schäfer (1939, Schachfreunde 1871 Friedberg) hatten daran einen riesigen Spaß. Die Partie hätte ihr reguläres Ende schon im 24. Zug gefunden, doch auf diesem Spielplatz erschien das Matt als Spaßbremse viel zu früh. Also musste es unbedingt vertrieben werden, darin waren sich beide Nachwuchsspieler einig. Der letzte schwarze Springer hatte sich im 16. Zug verabschiedet, doch für das ausgemachte Spaßprogramm erschien im 43. Zug ein neues Pferdchen auf dem schwarz-weißen Parcours, zwei weitere gesellten sich im Sechszüge-Rhythmus noch dazu, das mittlere verabschiedete sich nach einer Weile wieder, nur dem allerjüngsten, und also dem zuletzt erschienenen sollte es vorbehalten sein, das Feuer auszutreten, pünktlich im hundertsten Zug.

______________________________________________________________________________

Spiel mit dem Feuer. Das Sehenswerte, das Wertlose und das Schaulustige

Teil 1 — das Sehenswerte: 1.e4 d6 2.d4 Sf6 3.Sc3 g6 4.f4 Lg7 5.Sf3 0—0 6.Ld3 Sc6 7.Le3 e5 8.d5 Sd4 9.Sxd4? Sg4! 10.Sc6 bxc6 11.Ld2 cxd5 12.exd5 exf4 13.Lxf4 Te8+ 14.Kd2 Sf2 15.Df3 Sxh1 16.Txh1 Tb8 17.b3 Ld7 18.g4 Tb4 19.a3 Lxc3+ 20.Kxc3 Df6+! 21.Kxb4 Tb8+ 22.Lb5 Dd4+ 23.Ka5 Txb5+ 24.Ka6 Tb6+ (24...Db6#)

Teil 2 — das Wertlose: 25.Kxa7 Txb3+ 26.Ka8 Txf3 27.Tb1 Dxd5+ 28.Kb8 Txf4 29.c4 Txc4 30.Ka7 Txg4 31.Tb8+ Kg7 32.a4 Dc5+ 33.Ka6 Txa4+ 34.Kb7 Lc6+ 35.Kxc7 Ta7+ 36.Kd8 Ta8 37.h4 Db6+ 38.Ke7 Txb8 39.h5 gxh5 (39...Dc7#)

Teil 3 — das Schaulustige: 40.Kxd6 h4 41.Ke5 h3 42.Kf4 h2 43.Kg3 h1S+ 44.Kf4 h5 45.Ke5 Sf2 46.Kf4 h4 47.Ke5 h3 48.Kf5 h2 49.Kg5 h1S 50.Kh4 f5 51.Kh5 f4 52.Kg5 f3 53.Kf5 Sd3 54.Kg5 f2 55.Kg4 f1S 56.Kg5 Dd4 57.Kh5 Dg4+ 58.Kxg4 Sd2 59.Kg5 Tb5+ 60.Kh4 Lg2 61.Kg4 Kg6 62.Kh4 Sg3 63.Kxg3 La8 64.Kh2 Th5+ 65.Kg3 Sf2 66.Kf4 Sde4 67.Ke3 Kf6 68.Kd4 Td5+ 69.Kc4 Td2 70.Kb3 Ld5+ 71.Kb4 Tc2 72.Ka3 Sd3 73.Ka4 Tb2 74.Ka3 Sc1 75.Kxb2 Se2 76.Kc2 Ke5 77.Kd1 Sd4 78.Kc1 Kf4 79.Kb2 Ke3 80.Ka1 Kd3 81.Kb1 Sb5 82.Kc1 Sec3 83.Kb2 Se2 84.Ka1 Kc3 85.Kb1 Sf4 86.Ka1 Sd4 87.Kb1 Sc2 88.Kc1 La2 89.Kd1 Sd4 90.Kc1 Sde2+ 91.Kd1 Kd3 92.Ke1 Ke3 93.Kf1 Sd3 94.Kg2 Le6 95.Kh1 Se1 96.Kh2 Kf2 97.Kh1 Ld7 98.Kh2 Lc8 99.Kh1 Sg3+ 100.Kh2 Sf3# 0—1

______________________________________________________________________________

Erst wenn es erwachsenen Schachspielern zuweilen gelingt, sich die Welt als Spielplatz zu erhalten, gehören sie zu den ganz Großen, wie beispielsweise Alexander Grischuk und Quang Liem Le. Der russische und der vietnamesische Großmeister verzauberten in dieser Hinsicht die Schachwelt im norwegischen Tromsø. Beide hatten außerdem das große Glück, dass sich unter den weltweiten Zuschauern ein ganz besonderer befand, nämlich der Engländer Lawrence Trent, der Zugang zu ihnen fand, indem er ihr Spiel auf ebenbürtige Art und Weise kommentierte, so dass Spieler und Zuschauer für einen magischen Augenblick miteinander verschmolzen. Marathonpartien können dann auf einmal so spielerisch aussehen. Auch beim Äskulap kam es immer wieder zu ausgedehnten Ausdauerläufen, auch wenn diese nicht ganz so lang waren, nicht so spielerisch wirkten und eher vom schweren Atem der Anstrengung begleitet wurden. Wie viel Langmut manchmal nötig ist, bevor ein Läufer einem Randbauern zur Umwandlung verhelfen darf, davon zeugt die Partie Andreas Neumeyer (2035, SC Leipzig-Lindenau) gegen Paul Hoffmann (2315, USV TU Dresden), die der Internationale Meister erst nach zähem Ringen gewann. Dasselbe szenische Motiv kehrte ausgerechnet in der letzten laufenden Turnierpartie zwischen Ulrich Fitzke (1821, SV Bau-Union Berlin) und Erwin Grund (1889, SV Dresden-Leuben) noch einmal zurück, als Abschlussbild einer großartigen Äskulap-Jubiläumsauflage. Das ominöse Görlitzer Hotel mit "A", das junge Prager Talent mit "H" und der erdachte Münchner Vorort mit "M" — beinahe alle Namensgeheimnisse wurden aufgedeckt. Das Rätsel um den neuen Äskulapgewinner musste noch gelöst werden, blieb aber nicht lange ein großes.

Die Vorentscheidung um den Turniersieg fiel bereits in der 5. Runde. Sergei Ovsejevitsch, der als Einziger alle vorherigen Partien gewonnen hatte, traf nun auf Robert Rabiega (2465, SK König Tegel 1949), der sich erst in der Vorrunde ein Unentschieden gestattete. Mit Schwarz und einem halben Punkt Rückstand wartete keine leichte Aufgabe auf den Berliner Großmeister. Wiederum den Punkt friedlich aufzuteilen, wie vor drei Jahren nach nur 15 Zügen, kam für ihn deshalb keinesfalls in Betracht. Stattdessen bekam er zu spüren, welch bärenstarken Tag der Algesheimer erwischt hatte, der die Partie nach dem 24. Zug raubüberfallartig entschied. "Der Ovsejevitsch gewinnt hier jedes Jahr das Turnier — das ist ja lächerlich." Rabiega fügte der Emotion noch ein feines Tröpfchen Sachlichkeit hinzu: "Er hat verdient gewonnen. Er hat gut gespielt. Ich habe lange nicht mehr so verloren, aber ich kann auch so gewinnen." Einen besseren Anlass, bis zum nächsten Mal den Inhalt seiner berüchtigten Werkzeugkiste genau zu überprüfen, kann es für ihn kaum geben. Ganz im Gegensatz zu Dr. Peter Möller hatte er Am Hirschwinkel sehr gut geschlafen, dafür allerdings auch selbst Hand angelegt. Nächtlich marodierende Banausen machten ihm nicht zu schaffen, und so konnte er als Vorbereitung auf den himmlischen Schlummer in aller Ruhe etwas ganz anderes beseitigen: die Matratze aus dem Bett, die er in die Ecke des Zimmers legte, weil man ja nie weiß, ob es das Bettgestell auf Dauer mitmacht.

In Anbetracht des Tabellenstands tat Sergei Ovsejevitsch in den letzten beiden Runden genau das, was man bei ihm schon oft beobachten konnte, worin er ein Großmeister ist, nämlich nichts mehr zuzulassen. Mit zwei abschließenden Remis gegen die beiden Internationalen Meister Cliff Wichmann (2288, ESV Nickelhütte Aue) und Josef Pribyl (2310, Holdia DP Praha) sicherte er sich mit 6.0 Punkten und einem halben Zähler Vorsprung zum fünften Mal den Turniersieg, vor den Internationalen Meistern Cliff Wichmann und Oleg Krivonosov (2467, TSV Schott Mainz). Mit diesem fünften Turniersieg egalisierte Sergei Ovsejevitsch den Rekord, den Großmeister Jurij Zezulkin im Jahr 2005 aufgestellt hatte.

Das Amsterdamer Kaffeehausturnier gewann übrigens der Last-Minute-Substitute mit 6½ Punkten. "Die, die sich eine Norm holen sollten, habe ich alle zerstört ... Irgendwie sollte es so sein, so etwas gelingt natürlich nur einmal", so Gerald Hertneck beim Genuss von Zigarette und Erinnerung in der lauen Septembernacht seines 50. Geburtstags, und es entspricht ganz seinem Credo, dass eben nichts mächtiger ist als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Der niederländische Veranstalter hatte alles bezahlt, und dann gab es noch tausend Euro Preisgeld obendrauf. Gehen wir wieder rein und hören Janis Joplin etwas lauter.

Für ein Schachturnier braucht man nicht viel Gepäck, nur einen mit Leichtfüßigkeit getragenen Entschluss — oder wie es Robert Rabiega vorschwebt, der für seine Sehnsucht, einen Turniersieg in Görlitz, keine schwere Motorsäge mehr einpacken wird: "Wenn ich dreißig Kilo weniger habe, brauche ich nur ein Messer." In dieser Hinsicht lohnt womöglich eine Kollaboration mit dem sechsfachen Russischen Meister Peter Svidler, der sein intimes Diätgeheimnis ausplauderte, nachdem er persönlich unterwegs 22 Kilogramm abwarf: "Ich habe weniger Mist gegessen." Vielleicht fällt es Robert Rabiega aber leichter, sich stattdessen von Markus Zusak inspirieren zu lassen: "Vergesst die Sense — ich hätte einen Besen oder einen Wischmopp gebraucht."

XXX. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 118 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. GM Sergei Ovsejevitsch 2559 SK Gau-Algesheim 6.0 34.0
2. IM Cliff Wichmann 2349 ESV Nickelhütte Aue 5.5 32.0
3. IM Oleg Krivonosov 2471 TSV Schott Mainz 5.5 31.5
4. GM Robert Rabiega 2506 SK König Tegel 1949 5.5 31.0
5. IM Bogdan Borsos 2263 Ushgorod 5.5 30.5
6. IM Josef Pribyl 2310 Holdia DP Praha 5.5 30.5
7. Fridolin Mertens 2052 SG 1871 Löberitz 5.0 32.5
8. WIM Maria Schöne 2211 SG Aufbau Elbe Magdeburg 5.0 30.0
9. FM Hendrik Hoffmann 2279 SG Leipzig 5.0 28.5
10. Nicolas Niegsch 1934 SG 1871 Löberitz 5.0 28.5
….
67. Christof Beyer 2039 SK König Plauen 3.5 20.5
83. Nils Süß 1766 SK König Plauen 3.0 22.5

Christof Beyer

© 2001-2014 Thomas Liebs *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 19. Februar 2014