Kolumne: Geheimnisse einfacher Küche...

Geheimnisse einfacher Küche und simpler Arithmetik oder der Einfluss des Preisgeldunterschieds auf das Jagdverhalten am Brett
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"Für plus Nullkommadrei kannst du dir nichts kaufen."
(Cliff Wichmann, Internationaler Meister)
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Die Spitzenpaarung der vorletzten Runde bei der Deutschen Einzelmeisterschaft in der Altersklasse U16 war in vielerlei Hinsicht bedeutungsvoll und ist deshalb so erinnerungswürdig: Nach überragender Turnierleistung spielte der Setzlistenachte, Konstantin Urban (DWZ 2193, SK Heidenau), in Willingen gegen FIDE-Meister Alexander Rieß (2124, Lübecker SV von 1873) in einer Marathonpartie überraschend um die Vorentscheidung dieses Championats. Dass diese beiden Spieler eine faszinierende Turmendspielstudie fabrizierten, blieb ihnen in dieser kräftezehrenden Partie verborgen. Die spätere Entdeckung lockte auch zwei bekennende Endspielfüchse hungrig ans Analysebrett: zunächst den A-Trainer des Jahres 2012 und danach einen Großmeister und ehemaligen Nationalspieler, der einst steil bis zum 50. Rang in der Weltrangliste emporkletterte. Es galt herauszufinden, ob die Stellung im 69. Zug für Weiß objektiv gewonnen ist oder Schwarz doch zu retten ist.

Die Teilnehmer der jüngsten Altersklassen U10 und U12 betraten den Turniersaal zur Nachmittagsrunde, als diese Vormittagspartie immer noch andauerte und nach über fünf Stunden ihre bedeutungsvollste Phase erreichte. Das Material auf dem Brett hatte sich zu einem Turmendspiel mit jeweils zwei Bauern auf dem Königsflügel reduziert. Weiß hatte die Initiative an sich gerissen, Schwarz kämpfte um Remis. Am Ende entschied ein grober positioneller Schnitzer von Schwarz die Partie, nachdem Weiß nicht den studienartigen Gewinnweg entdeckte, der hier allerdings äußerst raffiniert versteckt lag.

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69.Kxf7? Im Gewinnsinne bediente sich Weiß an dieser Stelle mindestens einen Moment zu früh.

Variante 1: 69.Tg5+!! ist stattdessen ein entscheidendes Tempo für die Unterstützung des h-Bauern. Nach diesem feinen Turmschach entsteht ein geometrisches Problem: Soll sich der schwarze König mehr vom gegnerischen Bauern f3 entfernen oder mehr vom eigenen auf f7? Von diesem Entschluss ist abhängig, wie Weiß seinen schmalen Gewinnweg fortsetzt:

Variante 1a: 69...Kd6 70.Tg3 Ta1! ist eine sehr starke Erwiderung des A-Trainers Holger Borchers, das Turmendspiel womöglich doch noch erfolgreich zu verteidigen. Schwarz aktiviert sofort seinen Turm und gibt dafür widerstandslos seine beiden Bauern auf, in der Hoffnung, der weiße h- und f-Bauer würden eben nicht zum Partiegewinn ausreichen. Nun muss Weiß mehrfach studienhafte Züge finden, um den Gewinn nachzuweisen: 71.Tg4!! ist eine fabelhafte Entdeckung des Münchner Großmeisters Gerald Hertneck. Der weiße Turm pendelte zunächst um sein ursprüngliches Ausgangsfeld, um es nun wieder einzunehmen. Hinter der scheinbaren weißen Bewegungslosigkeit steckt nicht nur viel Ästhetik, sondern großer Fortschritt: Der weiße f-Bauer ist nicht mehr angegriffen und der schwarze König eine Reihe zurückgedrängt. Das sind die feinen Unterschiede zur Ausgangsstellung. Nun kann Weiß in jedem der beispielhaften Abspiele die Partie gewinnen:

Abspiel I: 71…Ta6
Abspiel II: 71…Ta7
Abspiel III: 71…Ta3
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Abspiel I: 71...Ta6 72.Te4! Ta7 73.Td4+ Kc5 74.Tf4! Kd6 75.Kg7
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Nebenvariante 75…Ke5: 75…Ke5 76.Txf7 Txf7+ 77.Kxf7 Kf4 78.Kxg6 (Das Bauernendspiel ist für Weiß gewonnen.)

Nebenvariante 75…Ta1 76.Txf7: 76.Txf7 Th1 77.Kxg6 Txh4 78.f4! (Weiß gewinnt.)

Nebenvariante 75…Ta1 76.Kxf7: 76.Kxf7 Ke5 77.Tf6

Nebenvariante 77…Th1: 77…Th1 78.f4+ Ke4 79.Kxg6 Txh4 80.Kg5! Th1 81.Te6+ Kd5 82.f5 (Weiß gewinnt.)

Nebenvariante 77…Tg1: 77…Tg1 78.Txg6 Th1

Nebenvariante 79.Te6+!: 79.Te6+! Kf4 80.Kg6 Tg1+ 81.Kf6 Th1 82.Te5 Kxf3 83.h5 Kf4 84.Tf5+ (Weiß gewinnt.)

Nebenvariante 79.Tg4?: 79.Tg4? reicht nicht zum Gewinn: 79…Th3 80.Kg6 Txf3 81.h5 Tf6+ 82.Kg7 Ta6 83.h6 Kf5!
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Abspiel II: 71...Ta7 72.Td4+ Kc5 73.Tf4 Kd5 74.Kg7
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Abspiel III: 71...Ta3 72.Td4+ Kc5 73.Tf4 Ta7 74.Kg7
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Variante 1b: 69...Kd6 70.Tg3 Ta1! 71.Kxf7? Ke5 72.Kxg6 Kf4 73.Th3! Ta6+! hält Remis.

Variante 1c: 69...Kd6 70.Tg3 Th1? 71.Tg4 Tf1 72.f4! (Weiß gewinnt.)

Variante 1d: 69...Kd4? 70.Kxf7 Txf3+ 71.Kxg6 Ta3 72.Tf5! (Weiß gewinnt.)

Die anderen drei Kandidatenzüge: 69.Tf4 (Variante 2), 69.Tg3 (Variante 3) und 69.f4 (Variante 4) reichen nur zum Remis.

Variante 2: 69.Tf4 Th1! 70.Kxf7 Ke5 71.Te4+ Kf5 72.Ta4 Tb1 73.Ta5+ Kf4 74.Kxg6 Tb6+ 75.Kh5 Tb8

Variante 3: 69.Tg3 Th1 70.Kxf7 Txh4 71.Kxg6 Ta4

Variante 4: 69.f4 Ke4 70.Kxf7 Kf5 71.Tg5+ Kxf4 72.Txg6 Ta1 73.h5 Ta7+ 74.Kg8 Ta8+ 75.Kh7 Ta7+ 76.Tg7 Ta8 77.h6 Ta6 78.Tg6 Ta7+

Die abschließende Rückkehr zur Originalpartie zeigt Konstantin Urbans großen Triumph, allerdings nach Alexander Rieß’ Mithilfe. Das Vermächtnis dieser jungen Partie ist ein wertvolles Kapitel Turmendspielgeschichte.

69...Txf3+ 70.Kxg6 Ke5 71.h5 Ta3?? Das ist der Fehler, der die Partie in Willingen entschied.

Variante 1a: 71...Tf6+! ist die Rettung für Schwarz. 72.Kg7 Ta6 73.h6 Kf5! Schneidet dem weißen König den Rückweg ab. 74.Tg1 Ta7+ Der weiße König kann sich nicht mehr hinter seinem Bauern verstecken.

Variante 1b: 71...Tf6+! 72.Kg7 Ta6 73.h6 Kf5! 74.h7 Ta7+ 75.Kh6 Txh7+ 76.Kxh7 Kxg4

72.h6 Ta6+ 73.Kh5 Der weiße König findet ein Versteck hinter seinem Bauern und entgeht somit weiteren Schachgeboten. 73…Ta7 74.Tg7 Ta1 75.h7 Kf6 76.Tg6+ Kf5 Schwarz droht immerhin Matt auf h1.

77.Tf6+! Hier findet Weiß ein sehr hübsches Hinlenkungsmotiv. 77...Ke5 78.Tf8! Nun ist die Partie endgültig gelaufen. Der weiße Turm versperrt dem König einerseits den Zugang zur f-Linie und ermöglicht andererseits die Umwandlung des h-Bauern. 78...Th1+ 79.Kg6 1–0
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Knapp zwei Monate vor dieser Partie, und von ihr über 500 Kilometer ostwärts entfernt, fand eine andere Erinnerungswürdigkeit statt – die 33. Osterauflage des Äskulap-Turniers in Görlitz. Mit insgesamt 107 Teilnehmern war sie punktgenau so begehrt wie im Vorjahr. 16 internationale Titelträger, darunter drei Großmeister, sieben Internationale Meister, eine Internationale Meisterin, drei FIDE-Meister und zwei FIDE-Meisterinnen garantierten erneut ein gewohnt spielstarkes Teilnehmerfeld, das bis zum 41. Startplatz noch eine Turnierwertzahl von über 2.000 Punkten aufwies. Für junge aufstrebende Talente gilt das Äskulap-Turnier im Haus Wartburg als jährliche Begegnungsstätte voller Hoffnungen und Chancen, reich an Erwartungen und Erfahrungen.

Der früheste Besucher war wohl mit Abstand Peter Möller (DWZ 1988, HSG Uni Rostock). Er reiste schon am Sonnabend an, und da ihn gern mehr Reiseutensilien begleiten als er zu tragen vermag, hatte er dieses Mal den ersten Koffer mit Gepäck einfach vorgeschickt. Da waren auch noch unbedingt drei Agatha-Christie-DVDs mitzunehmen, die ihm sein Sohn Stefan geschenkt hat. Die wiegen ja nichts, und da fiel es auch nicht ins Gewicht, dass er im Hotel dann doch nicht dazukam, sie auch anzuschauen. Die Ursachen der dafür fehlenden Zeit waren schnell ausgemacht: der Besuch im Görlitzer Tierpark, in dem er sich über zwei Stunden aufhielt, und die analytische Untersuchung der Eintrittspreise a posteriori. Der Rostocker Zoo diente dabei als Vergleichsmaßstab. Rätselhaft blieben ihm der auffallend günstige Preis sowie das Verhältnis zwischen Tageskarte und Jahreskarte: »Das ist ja wie ein Verhältnis von 8 zu 3.« Doch davon ließ sich Peter Möller nicht so schnell blenden, denn dann entdeckte er sie doch mit klarem Blick, diese feine Unstetigkeit, die das harmonische Preisgefüge ins Wanken brachte: Die Tageskarte im Görlitzer Tierpark ist im Verhältnis zur Jahreskarte teurer als im Rostocker Zoo. Bei dieser unnachahmlichen Freude am aufklärerischen Erfolg schien es, als sei der Tierparkgärtner als Mörder überführt.

Der Internationale Meister Drazen Muse (2262, SK König Tegel 1949) löste mit seiner Wiederkehr an den Tatort seines Turniersiegs das gegebene Versprechen vom letzten Jahr zuverlässig ein. Seinen Großmeisterbruder brachte er dieses Mal allerdings nicht mit, denn die Begeisterung für die Altstadt funktioniert auch brüderlich ungeteilt. »Wenn ick in Görlitz bin, geh’ ick doch nicht zum Italiener Pizza essen«, so beschrieb er seinen Besuch in der Dreiradenmühle und räumte ein: »Ich koche auch gern zu Hause. Für eine Suppe braucht man nur einen Knochen reinzuwerfen, dazu Salz und Pfeffer, und schon ist die Suppe fertig.« Kaum war das Äskulap-Turnier angerichtet, behinderte den erfahrenen Schiedsrichter Egmont Poenisch eine Augenkrankheit so schwerwiegend, dass er das Turnier umgehend abbrechen musste und mit dem Auto sofort wieder nach Hause fuhr, wenigstens mit dem sicheren Gefühl unterwegs, dass ihn René Zimmermann als frisch gebackener FIDE-Schiedsrichter würdig vertreten würde.

Auch einigen favorisierten Spielern bereitete der fehlende Durchblick in der Eröffnungsrunde unangenehme Überraschungen: Mert Acikel (1774, SV Mattnetz Berlin) befand sich gegen den tschechischen Internationalen Meister Josef Pribyl (2219, SC 1868 Bamberg) vor der Zeitkontrolle materiell in verlorener Endspielsituation, doch nach der Zeitkontrolle entführte er dem erfahrenen Schachlehrer hintereinander zwei Bauern und schließlich einen halben Punkt. Ein anderer Nachwuchsspieler, Andre Patrick Doering (1716, ebenfalls SV Mattnetz Berlin), zwang Frank Schönfeld (1967, VfL Gräfenhainichen) nach einzügig eingestellter Qualität sogar zur sofortigen Kapitulation. Genau einen Monat später ließ sich der amerikanische Großmeister Maurice Ashley zu einer zutreffenden Warnung und Würdigung verleiten: »These youngsters are beasts.« Das Establishment war vor dem Nachwuchs gewarnt.

Die Partie der Schönen und Armen in der 5. Runde wies gleich mehrere augenscheinliche Ähnlichkeiten auf: Name, Wertzahl, Titel sowie Aussicht auf den Partieausgang, und doch unterschieden sich irgendwie alle vier Eigenschaften. WIM Maria Schöne (2245, SG Aufbau Elbe Magdeburg) hatte es im Turmendspiel selbst in der Hand, mit dem nächsten Zug den halben Punkt zu sichern. Dafür brauchte sie gegen IM Ralf Schöne (2219, TSG Neuruppin) lediglich den Turm zu tauschen. Im grundlegenden Bauernendspiel mit nur noch einem übrig gebliebenen Bauern hätte ihr König beim Rückzug alle Schlüsselfelder kontrolliert. Genau diese ausgelassene Vereinfachung auf dem Brett im 81. Zug führte auch zu ausgelassener Beurteilung unter den Kiebitzen neben dem Brett. Wer die stets am Brett sitzende, ruhige, aber kampfeslustige Internationale Meisterin nicht genau kannte, gab sich leicht mit dem Naheliegenden zufrieden: »Da fehlen die Grundlagen.« Wie kompliziert es unter Anspannung sein kann, im richtigen Augenblick zu vereinfachen, wurde in der nächsten Runde im Doppelturmendspiel zwischen Steffen Michel (2107, VfL Gräfenhainichen) und Oliver Fuchs (1769, SC 1994 Oberland) ersichtlich. Hier verpasste Weiß den effektiven Tausch eines Turmpaars, um zwei entfernte Mehrbauern zu erhalten, die zum mühelosen Partiegewinn ausgereicht hätten. Die Versuchung in der Partie, zwei gleichzeitig angegriffene Bauern zu verteidigen, kostete erst einen Bauern und besiegelte wenig später die unvermeidliche Punkteteilung. In derselben Runde demonstrierte GM Gerald Hertneck (2403, MSA Zugzwang 82) gegen IM Virginijus Dambrauskas (2281, VSBK NSEL 30) Blockade und Dynamik im Turmendspiel mit gegenseitigen Freibauern. Den feinen Unterschied ergab hier ein weißer, harmlos wirkender, rückständiger Doppelbauer, der den trügerischen Eindruck eines schlafenden Wurmfortsatzes erweckte. Dem ästhetischen weiß-schwarzen, benzolähnlichen Bauernring im Zentrum diente er bald zerstörerisch als leicht entzündbare Lunte. Nach krönendem Turmopfer wurden die offensiven Doppelbauern sogar zu Partiehelden. Dagegen wurde Richard Pixa (2093, SV Mattnetz Berlin) in der letzten Runde noch zum tragischen Helden. Als er sich beim Übergang vom gleichfarbigen Läufer- ins Bauernendspiel im Zentrum fest an seinen Freibauern klammerte, übersah er im Hinterhalt einen unwiderstehlichen Bauerndurchbruch seines Vereinskollegen Henrik Hesse (1837, SV Mattnetz Berlin). Stattdessen wäre die seelenruhige Königswanderung auf den Damenflügel zum rückständigen Missetäter der Erfolg versprechende Weg gewesen.

Theo Gungl (2170, USV TU Dresden) aus dem sächsischen U16-Kader wurde erfolgreichster Nachwuchsspieler. Dabei erwischte er keinen optimalen Turnierstart, aber seine einzige Verlustpartie in der 2. Runde, ein Theorieduell im Najdorf-Sizilianer, steckte er locker weg, bewies anschließend umso mehr großartigen Siegeswillen und beeindruckte mit vier Siegen in Folge. Ausgerechnet sein einziges Unentschieden, ein Kurzremis in der letzten Runde gegen einen Großmeister, sollte für den meisten Gesprächsstoff sorgen – am Brett dahinter bei einem anderen Großmeister, der es zugleich großmeisterlich verstand, zwischen Fremd- und Eigenleistung deutlich zu unterscheiden, wie dessen kontinuierliche Trennung ganzer Punkte in allen drei Partien davor offenbarte. Doch am Vormittag des vorigen Tages war Theo Gungl noch damit beschäftigt, sich mit Schwarz gegen Fred Heintel (1827, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) ins Turnier zurückzukämpfen. Das gelang ihm mit viel Langmut in einem damenlosen Endspiel. Zuerst eroberte er auf positionellem Weg einen schwachen Doppelbauern und abschließend taktisch einen zweiten Bauern. An der Igelstellung Steffen Michels hätte er sich beinahe in dem Moment die Zähne ausgebissen, als er vor einem ungenauen Königszug die Situation falsch einschätzte. Doch Steffen Michel übersah die Gegenspielmöglichkeit, die sich plötzlich bot, um mit einem offensiven Bauernhebel am Königsflügel dynamisches Gleichgewicht zu erlangen. Als er diese Idee zwei Züge später als genügend gereift erachtete, erwies sie sich als äußerst windig und beschwor einen stürmischen Mattangriff herauf. Mit dem Schweden Peter Bjarnehag (2116, Solna Schacksällskap) hatte der Dresdner Nachwuchsspieler dagegen leichtes Spiel. »Theo brauchte in der Partie nur einen (eigenen) Zug zu machen … Die Botwinnik-Stellung hatte er im Training so auf dem Brett«, verriet Trainer Cliff Wichmann (2258, ESV Nickelhütte Aue). Tatsächlich entschieden in der fortgeschrittenen Eröffnungsphase zwei grobe Fehler hintereinander die Partie ziemlich rabiat. Das war keine Partie, in der man sich immer kleine Etappenziele setzt und sich unterschiedliche Kandidatenzüge qualitativ nur minimal voneinander unterscheiden. »Für plus Nullkommadrei kannst du dir nichts kaufen.« Die Erinnerung an die Kraft theoretischer Vorbereitung war bei Theo Gungl noch ziemlich frisch. Dieses Mal profitierte er selbst davon. Gerald Hertneck kann sich darüber köstlich amüsieren: »Ich finde es lustig, dass sich jetzt sogar schon Amateure auf ihre Gegner vorbereiten.«

Der Münchner Peter Heinrichsen (1655, Gautinger SC) liebt Installationen von Illusionen im Diskotakt. Gleich in der Eröffnungsrunde ließ er Cliff Wichmann kaum eine Chance – das Brett zu verlassen, was doch ein bemerkenswertes Kunststück darstellt, ist doch der Internationale Meister selbst alles andere als ein Langsamspieler und viel mehr ein leidenschaftlicher Rundengeher während einer Schachpartie. Derartig innezuhalten, beeindruckte sogar ihn. In der nächsten Partie gegen Jürgen Koenig (1542, SV Ottendorf-Okrilla) hatte diese Performance sogar schachlichen Erfolg. Nach 28 Zügen hatte der zeigefreudige Münchner immer noch eine Stunde und 28 Minuten auf der Uhr. Das schelmische Lächeln deutete bereits jene kleine feiste Falle an, mit der er nur wenige Züge später in sehr aussichtsreicher Stellung den gegnerischen Läufer einsperrte.

Doch tags darauf berichtete Peter Heinrichsen ärgerlich von drei Eröffnungsfallen, auf die er gleichzeitig hereingefallen sei und ihm deshalb sofort die Lust verdarben. Die Fallentrilogie begann mit dem 7. schwarzen Zug c5?, einer besonders altehrwürdigen, über hundert Jahre alten Falle, bekannt seit der Partie zwischen den beiden Neuseeländern Gyles und Sainsbury, gespielt im Untergangsjahr der Titanic. Dass nach weißem Springerausfall dem schwarzen Monarchen gleich zwei verschiedene Schachgebote drohten, gehörte nicht zu Peter Heinrichsens Hochgeschwindigkeitsüberblick zu so früher Morgenstunde. Und so schnappte nur einen Zug später gleich die zweite Falle zu. Dem Angesicht einer drohenden Springergabel mit Damenverlust im 13. Zug konnte schließlich die dritte krachende Falle zugeordnet werden. Oder kam diese der Eröffnungswahl zu? Das würde nämlich die Gleichzeitigkeit der multiplen Fallenstellerei und des mehrfach arglosen Hereinfallens erklären: Über jedem nächsten Fehler schwebte die falsche Eröffnungswahl. Mit Französisch gewann an diesem Tag offenbar nur Kerstin Schmieder (1554, ESV Nickelhütte Aue) großes Vergnügen.

Uwe Kurth (2002, VfL Gräfenhainichen) schwamm mit Damen im Wechselbad der Gefühle. Chanda von Keyserlingk (1728, USV TU Dresden) setzte ihm in der 4. Runde im Mittelspiel so arg zu, dass er sich genötigt sah, die lange Rochadestellung zu verlassen, um den Fluchtweg zurück auf den Königsflügel anzutreten. Als der weiße König auf dem Feld f3 endlich ein sicheres Plätzchen fand und seine Gegnerin ihn aus den Augen zu verlieren schien, setzte er unbekümmert zur krawallartigen Jagd auf die schwarze kaiserliche Hoheit an. Als für deren Eroberung unbedingt ein damenfeiner Seitwärtsschritt geboten war, setzte ein sich opferndes, testosterongeladenes Rössel zum Sprung mit Schachgebot an. Die Erwiderung fiel denkbar heftig aus und bestand aus einem explosiven Gemisch aus Gegen- und Abzugsschach gegen den schon sicher geglaubten König und anschließendem Damenverlust. Eine ähnliche Situation wiederholte sich mit vertauschten Farben in der letzten Runde gegen Sofie Pribylova (1851, ŠK PORG Praha). Dieses Mal wurde Uwe Kurths schwarzer König aus der kurzen Rochadestellung bis auf das Feld f6 herausgetrieben. Die weiße Dame umkreiste ihn hintereinander auf den Feldern h6, h4, f4 und d6, ohne aber des Königs habhaft zu werden. Und hier erwies sich eine Umkreisungsbewegung, wiederum sogar mit Schachgebot, als genau eine zu viel. Auf dem nicht versperrten Fluchtweg eilte der schwarze König ins weiße Lager bis aufs Feld e3 und unterstützte dort Dame und Springer bei der Mattsetzung des weißen Königs. Swan, swan, hummingbird. Josef Pribyl konnte diesem dramatischen Finale nur tatenlos zusehen. Er sah traurige Tränen statt freudiges Hurra.

Der 14-jährige Juniorennationalspieler Maximilian Paul Mätzkow (2017, ESV 1949 Eberswalde) wurde mit fünf Punkten und einer Turnierleistung über 2.200 auf dem 13. Platz der zweiterfolgreichste Nachwuchsspieler des Äskulap-Turniers. In der Abschlussrunde gegen FM Hendrik Hoffmann (2216, SG Leipzig) gelang dem Brandenburger ein kleines Wunder in positionell prekärer Situation. Die weißen Figuren verharrten hinter kompromittierender Bauernstruktur fast alle auf der Grundreihe, während Schwarz mit aktiver Figurenentwicklung zunehmenden Druck ausübte. Für Schwarz sprang in der Partiefolge ein Mehrbauer heraus. Als der FIDE-Meister einfach einen zweiten Faulenzer einsammeln konnte, zögerte er jedoch und traf mit der Abwicklung ins Damenendspiel eine unglückliche Wahl. Nach erkenntnistheoretischem Stand sind Damenendspiele bekanntlich »einfach scheiße« (Gerald Hertneck) oder »gammlig« (Holger Borchers). Schwarz hatte zwar immer noch einen Bauern mehr, der jedoch nur noch eine statistische Rolle spielte. Es dauerte keine zehn Züge mehr, bis beide Spieler nur noch Lust darauf verspürten, nach einer raschen Zugwiederholung noch vor der Zeitkontrolle den Punkt miteinander zu teilen. Hendrik Hoffmann verpasste damit den Sprung auf Rang sechs. Maximilian Paul Mätzkow wurde mit dem 13. Platz belohnt.

In der letzten Runde duellierten sich an den ersten beiden Brettern Spieler mit jeweils fünf Punkten auf dem Konto und an den fünf Brettern dahinter das Verfolgerfeld mit einem halben Punkt Rückstand. Doch nur zwei dieser insgesamt sieben Partien wurden tatsächlich entschieden: Vorjahressieger IM Drazen Muse schleifte Bernd Grills (2187, SV Ebersbach) errichtete Festung mit Beharrlichkeit, und GM Mikail Ivanov (2411, SF Bad Mergentheim) überspielte WIM Maria Schöne ausgerechnet in einem Turmendspiel. Die Begegnung am Spitzenbrett zwischen IM Oleg Krivonosov (2461, TSV Schott Mainz) und GM Gerald Hertneck dauerte nur sechs Züge und löste sich hinterher subito unsichtbar auf. Die Miniatur zwischen Theo Gungl und GM Vladimir Sergeev (2429, Kijów) blieb dagegen nicht unbemerkt und erregte sichtbar zuerst die Aufmerksamkeit Mikail Ivanovs und anschließend dessen Gemüt.
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Theo Gungl – GM Vladimir Sergeev

1.e4 Sf6 2.e5 Sd5 3.d4 d6 4.c4 Sb6 5.exd6 exd6 6.Sc3 Sc6 7.h3 Le7 8.Sf3 0–0 9.Le2 Te8 10.0–0 Lf6 11.Le3 Lf5 12.Tc1 h6 13.d5 Se5 14.Sd4 Lh7 ½–½
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Mikail Ivanov erhob sich vom Brett, um seinem Ärger Luft zu machen, um mitzuteilen, dass gar nicht gespielt wurde. Nach der Rückkehr ans Brett verwandelte er diese Zornesenergie in noch mehr Entschlossenheit in die eigene Tatkraft, pumpte Luft und begann auszuteilen.

Holger Borchers erklärte, warum die aufs Preisgeld angewiesenen professionellen Turnierteilnehmer sich in der letzten Runde untereinander so schnell auf Remis einigen: »Weil dit is’ für die zu een großet Risiko.« Gäbe es für den ersten Platz tausend Euro und für den zweiten Platz nur noch dreihundert Euro, sähe die Sache schon ganz anders aus: »Dann würden die och kämpfen.« Bei einem der zahlreichen Open-Turniere bot er in der letzten Turnierrunde sogar eine überraschende Wette an. Es spielten zwei Großmeister gegeneinander, der Elo-Schwächere mit Schwarz. Die Kiebitze vermuteten ein typisch friedliches Großmeisterremis. »Schwarz gewinnt«, hielt er denen entgegen und war dafür bereit, zwanzig Euro zu setzen. Das Angebot traf auf verblüffte Gesichter, weil der Elo-Schwächere der beiden Spieler ausgerechnet auch noch mit Schwarz gewinnen sollte. Der Partieausgang folgte nicht einer friedlichen Punkteteilung, sondern noch braver der angebotenen Wette: Schwarz gewann. Als Holger Borchers um Aufklärung gebeten wurde, lieferte er den Verblüfften eine kurze Erläuterung: »Alles nur Mathematik.« Es spielte ein Großmeister, der früh im Turnier strauchelte und trotz Aufholjagd mit seiner Buchholzwertung keine Chance mehr auf ein Preisgeld hatte, gegen einen anderen Großmeister, der im Gegensatz dazu nicht nur eine vage Aussicht auf den Turniersieg genoss, sondern im Fall eines weiteren Partiegewinns sogar sicher darauf vertrauen durfte. Der Elo-Schwächere gewann tatsächlich die Partie mit Schwarz und das Preisgeld über fünfhundert Euro. Bei einer Punkteteilung hätte es nicht mal für den 2. Platz und dreihundert 300 Euro gereicht, höchstens zum 3. Platz und zweihundert Euro. Plötzlich wurde die Logik kreativer Preisgeldteilung selbst dem Zuhörerverständnis empfänglich.

Außerdem besitzt Holger Borchers die äußerst unterhaltsame Fähigkeit, mit einer einzigen Bemerkung übergangslos von einer kuriosen Geschichte am Anfang der Skala zu wechseln, um am Ende der Skala das Feuer einer wenigstens genauso kuriosen Begebenheit zu entfachen. Eine Pause zwischen beiderlei Geschehnissen ist dabei kaum auszumachen – wie bei einem langen Text ohne Absatz. »Manchmal wird der Turnierausgang am 70. Brett entschieden«, und schon setzte Gerald Hertneck ein: »Bei mir hat mal ein Gegner in der letzten Runde am 50. Brett verloren. Das hat mich tausend Mark gekostet.« Holger Borchers hatte selbst für dieses finanzielle Problem naturgemäß die geeignete finanzielle Lösung parat. »Da hättest du deinem Jegner vorher een Jeldschein ans Brett legen sollen. Hier, wenn du jewinnst: hundert Mark.« Am Ende lag auch noch die risikoscheue Variante bar auf der Hand: Nicht nur des Großmeisters Erstrundengegner hätte eine 100-Mark-Geldnote erhalten sollen, sondern gleichzeitig auch dessen Gegner 150 Mark, und zwar mit den Worten: »Hier, wenn du aufgibst.« Sicher ist sicher. Holger Borchers behielt bis zum Schluss die Übersicht und präsentierte den Kassenschnitt: »Gerald, so hättest du immer noch 750 Mark jutjemacht. So haste aber tausend Mark verzockt.«

Die Kalkulationen des tschechischen Altmeisters Josef Pribyl beschäftigten sich nach der letzten Runde nicht nur mit den geernteten Früchten der Anstrengung am Brett seiner mitgebrachten Früchtchen, sondern bildeten nebenbei den Reiseaufwand von Prag nach Görlitz ebenso präzise ab, als würde die Hinfahrt mit dem Zug als Zukunftsinvestition gelten, die Rückfahrt jedoch gegenwartsbestimmt, abhängig von Brett- und Buchholzpunkten, entweder mit dem Zug oder per Anhalter erfolgen, wenn nicht gar gänzlich eine fußläufige Angelegenheit werden, denn schließlich weiß dieser Internationale Meister ganz genau die unkalkulierbaren Ergebnisse der letzten Runde zu würdigen, spiegeln sie doch nicht immer den Reiseverlauf auf dem Schachbrett exakt wider.

Für Mikail Ivanov kam Vladimir Sergeevs frühes Remisangebot wie aus heiterem Himmel, aber nicht unbegründet, denn die erzielten 5½ Punkte – mit einer Buchholzwertung zum Zunge schnalzen – reichten ihm zum Turniersieg, vor den fünf punktgleichen Verfolgern Oleg Krivonosov, Gerald Hertneck, Mikail Ivanov, Drazen Muse und Theo Gungl. Das Dresdner Nachwuchstalent stand auch bei der Siegerehrung nicht nur sprichwörtlich im Mittelpunkt. Theo Gungl war umrahmt von zehn internationalen Titelträgern, fünf platzierten sich vor ihm, fünf ließ er hinter sich. Diese bestechende Form nahm er aus Görlitz mit und konservierte sie. Bei der Sachsenmeisterschaft, nur ein paar Tage später, wurde er seiner diesmaligen Rolle als Turnierfavorit in souveräner Weise gerecht, indem er nur ein einziges halbes Pünktchen abgab – gegen Konstantin Urban, dessen Sternstunde ja erst noch kommen sollte.

Und so wird es immer sportliche und elegante Punkteteilungen geben. Nicht alle Turmendspiele enden Remis, sondern nur fast alle. In solchen Momenten erhellen, beglücken und beschämen sie uns auf paradoxe Weise umso mehr. Und nicht immer reicht zu einer köstlichen Suppe nur ein Knochen, Salz und Pfeffer – manchmal gehört auch noch ein bisschen Fleisch zum Knochen. Jedenfalls ist Gezwitscher darüber für den Genuss absolut entbehrlich und dann stets ein unschätzbarer Gewinn. Für diese Romantik lohnt es sich, bereit zu sein und ein Ohr zu haben für die Dauerrotation.

XXXIII. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 107 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. GM Vladimir Sergeev 2429 Kijów 5.5 34.5
2. IM Oleg Krivonosov 2462 TSV Schott Mainz 5.5 33.0
3. GM Gerald Hertneck 2461 MSA Zugzwang 82 5.5 32.5
4. GM Mikail Ivanov 2411 SF Bad Mergentheim 5.5 31.0
5. IM Drazen Muse 2356 SK König Tegel 1949 5.5 30.5
6. Theo Gungl 2294 USV TU Dresden 5.5 26.5
7. IM Virginijus Dambrauskas 2281 VSBK NSEL 30 5.0 33.0
8. FM Karsten Schulz 2276 SF Schwerin 5.0 31.0
9. FM Thomas Schunk 2197 SG Leipzig 5.0 30.5
10. IM Ralf Schöne 2290 TSG Neuruppin 5.0 30.0
….
45. Christof Beyer 2009 SK König Plauen 3.5 29.0

Christof Beyer

© 2001-2017 Thomas Liebs *** Schachverein Görlitz 1990 e. V.
letzte Aktualisierung am 02. April 2017