Kolumne: Liebe auf Anordnung...

Liebe auf Anordnung oder Naturschachspieler und Wüstenkrieger im Kortisolrausch
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"Bei einer schönen Frau ist man immer zu dritt im Bett."
(Peter Heinrichsen)
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Die Professionalität eines Schiedsrichters zeigt sich nicht am sonnigen Gemüt, sondern an der besonnenen Reaktion in Situationen, die schiedsrichterlich zu meistern sind. Der umsichtige Wächter der Regeln ist meistens unsichtbar, doch stets präsent, sobald er verlangt wird oder unbedingt selbst eingreifen muss, um störendes Verhalten, kleine Regelverstöße und große Fehltritte ambulant am Schachbrett blutstillend zu behandeln. Der Schiedsrichter geht der verantwortungsvollen Kunst nach, mit Fingerspitzengefühl etwas währenddessen zu berühren, was Großmeister Nigel Short als heiligen Ritus bezeichnete – das Spielen einer Schachpartie.

Die Einführung des Inkrements in die Bedenkzeitregelung ist für die Schiedsrichter segensreich, denn die Schreibpflicht in der unübersichtlichen Zeitnotphase kehrte wieder dorthin zurück, wo sie nämlich hingehört: in die verantwortlichen Hände der Spieler. Wer allerdings annahm, Schiedsrichter können sich in dieser Hinsicht beruhigt zurücklehnen und von der Galerie aus tatenlos zuschauen, der irrte gewaltig und konnte am praktischen Beispiel als Ohrenzeuge eines Besseren belehrt werden. Großmeister Lev Gutman (DWZ 2384, SV Lingen) besuchte gemeinsam mit einem Nachwuchsspieler das Äskulap zum ersten Mal und bekam gleich Gelegenheit, die junge Schiedsrichterassistentin Maria Graf näher kennenzulernen als es ihm lieb war. Sie erinnerte ihn während der Partie aufmerksam an die Notationspflicht. Als sie ihn jedoch wiederholt ermahnen musste, wollte er sie unliebsam verscheuchen: »Verschwinden Sie, ich komme allein zurecht.« Einst Sekundant von Viktor Kortschnoi gewesen zu sein, blieb offensichtlich nicht unberührt und hatte zumindest etwas vom Schrecklichen auf den eigenen Habitus abgefärbt. Glücklicherweise ist der 71-Jährige immer noch gut zu Fuß unterwegs und benötigt keinen Stock, der hilfsbereit unter dem Tisch lauert, um dienstbar zur Hand zu gehen.

Die liebe Bedenkzeit spielte auch bei Frank Schönfeld (1988, VfL Gräfenhainichen) und IM Paul Hoffmann (2337, USV TU Dresden) eine bemerkenswerte Rolle. Der Internationale Meister wunderte sich vor Partiebeginn über seine in Gang gesetzte Uhr, obwohl Weiß noch keinen Zug ausgeführt hatte. Die Verwunderung darüber war größer als die siebenminütige Verspätung am Brett, und zwar so groß, dass er meinte, in solch einer Situation dann immer auf Zeit zu verlieren. Der Zeitverlust fällt jedoch viel geringer aus, wenn die pünktliche Erscheinung am Brett gelingt. Er tendiert sogar berührend gegen Null, wie der Wert der Diskussion, die sich allein schon aus Höflichkeit verbietet. Als sich beispielsweise Großmeister Zigurds Lanka (2434, SG Leipzig) wenige Augenblicke verspätete, die Runde am Morgen des letzten Turniertages beginnt immer noch eine halbe Stunde zeitiger als ohnehin schon viel zu früh, erachtete er es als selbstverständlich, die Begrüßung seines Gegners mit einer Bitte um Verzeihung zu verbinden. Vielleicht erinnerte er sich dabei an eine ganz andere vorzügliche Entschuldigung, die er selbst am Vortag erlebte.

Das Äskulapuniversum spiegelt doch eine heile Welt wieder. Es droht kein Handgemenge, das vom Schiedsrichter ausgeht. Es existiert kein Karton auf dem Schiedsrichtertisch, in dem es rappelt, weil sich unter den abgegebenen Mobiltelefonen der Spieler eins davon vorlaut meldet. Es gibt keinen Teilnehmer, der sich länger und häufiger auf einer Behindertentoilette einschließt als sich im behindertengerechten Turniersaal aufzuhalten, um wenigstens in klaustrophobischer Hinsicht einen eindeutigen Nichtbetroffenheitsbeweis zu erbringen, und es verkehrt auch kein internationaler Titelträger oder Führungsspieler am Spitzenbrett, der keinen Gegner so kläglich unterschätzen würde wie das Mischprodukt alkoholischer Gärung, inhaliert und ausgeworfen bis der herbeigerufene Rettungsdienst mit dem Rollstuhl mehrmals zur Abholung vorfährt. Wenn es im bundesländerübergreifenden Ligabetrieb und beim Nachwuchs in der Königsklasse der Deutschen Vereinsmeisterschaften um die Wurst geht, dann vorbildlich entrückt bis enthemmt.

Die 34. Auflage des Äskulapturniers zog wieder über hundert Teilnehmer in Deutschlands östlichste Stadt. 14 Titelträger (vier Großmeister, sechs Internationale Meister, eine Internationale Meisterin und drei FIDE-Meister) und viele aufstrebende Nachwuchstalente sorgten für eine scharfe qualitative Mischung und ließen eine Menge explosives Aufeinanderprallen – auf den Brettern – erwarten.

Peter Möller (1990, HSG Uni Rostock) war wohl wieder einer der ersten Ankömmlinge. Dieses Mal führte ihn seine Reiseroute von Rostock nach Görlitz über Dresden. Dorthin reiste er bereits am Sonnabend zuvor mit seiner Ehefrau Ute. Am Dienstag fuhr er allein nach Görlitz weiter. Ehefrau Ute verspürte keine Lust auf Begleitung zum Osterturnier. Naturgemäß begleiteten ihn dafür aber wieder viele Bücher, doch keines, die er dieses Mal mitbrachte, las er auch. Das sollte Spuren hinterlassen.

Der ukrainische Großmeister Vladimir Sergeev (2436, Kijów) und der Internationale Meister Michal Luch (2406, SK Zehlendorf) aus Polen wurden in der Marie-Curie-Straße, nur noch wenige hundert Meter vom Anreiseziel und Turnierort Haus Wartburg entfernt, von der Polizei angehalten, aufgehalten und verhalten verhört, also an der sofortigen Weiterfahrt gehindert. Dass sie bei einem Schachturnier in Grenznähe angemeldet seien, kam der Polizei umso verdächtiger vor. Immerhin überzeugten ihre beiden eingetragenen Namen in der Äskulapteilnehmerliste von der wahrheitsgemäßen Anmeldung und galten als genehmigtes Kapital für vorübergehendes Asyl, welches die Zurücklegung der restlichen Reisemeter zum Tatort ermöglichte. Dieser Zwischenfall lag außerhalb der Reichweite des FIDE-Schiedsrichters René Zimmermann.

Immer wenn in der Eröffnungsrunde das Oberhaus auf das Unterhaus trifft, provoziert es überraschende Schlaglichter. Hans-Bernd Mühle (1749, SV TuR Dresden) ist ein niemals zu unterschätzender alter Haudegen, der die Angriffsversuche des erfahrenen FIDE-Meisters Karsten Schulz (2239, SF Schwerin) nicht nur renitent parierte, sondern ihm derartig um die Ohren schleuderte, dass er nach knapp 30 Zügen eine Leichtfigur im Vorteil war und kurz vor der Zeitkontrolle eine dicke Möglichkeit bekam, diese Partie mit einem fulminanten Mattangriff zu beenden:

Allerdings blieb es bei dieser traumhaften Möglichkeit, denn in der Partie zog sich die Dame schüchtern auf das Feld c2 zurück. Der Sprengzug 39.h4!! mit der Drohung 40.h5! hätte die auf den schwarzen Feldern errichtete Verteidigungsbastion zerstörerisch in eine Ruine verwandelt. Der diabolische Sprengbauer ist zudem vergiftet. Würde sich Schwarz nämlich mit 39…gxh4 über ihn hermachen, käme die Dame mit 40.Dh5! flink herbeigeschwenkt, um den schwarzen Monarchen auf den schwachen weißen Feldern blitzschnell ins Matt zu stürzen. Die wirkliche Geschichte dieser nach Sensation riechenden Partie endete in einem ungleichfarbigen Läuferendspiel nach dem 72. Zug mit einer Punkteteilung.

Zwei blutjunge Äskulapdebütanten zogen gleich zum Turnierauftakt Aufmerksamkeit an: Das 12-jährige Nachwuchstalent Ole Zeuner (1746, Schachzwerge Magdeburg) zeigte unbeeindrucktes Spiel gegen das Lettische Gambit und besiegte Andreas Neumeyer (1997, SC Leipzig-Lindenau) überzeugend in 38 Zügen. Mit erstaunlichem positionellen Verständnis und sehr kraftvoller Figurenharmonie machte der gleichaltrige, ebenfalls begabte Nachwuchsspieler Nico Baars (1593, SV Lingen) mit Benno Pankrath (1942, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) sogar noch kürzeren Prozess.

Til Joppich (1553, ein weiterer Magdeburger Schachzwerg) wurde ebenfalls von der sachsen-anhaltinischen Landestrainerin, WGM Tatjana Melamed, betreut. Olaf Brechlin (1862, FSV ASP Hoyerswerda) wollte nicht wahrhaben, was ihm in der 3. Runde kurzzügig widerfuhr und nicht auf einem Zufall beruhte: »Der spielt immer so. Das war Vorbereitung. Nun wird es kompliziert, er muss eigenen Zug finden«, verriet Tatjana Melamed mit ihrem sympathischen Akzent und gewinnenden Lächeln. Olaf Brechlin stand schon nach dem 13. Zug am Bewirtungstresen und bestellte sich ein Verzweiflungsbier, ebenfalls in Erwartung des nächsten Zuges: »Wenn er Läufer schlägt a7 spielt, gebe ich sofort auf.« Wenig später kehrte Olaf Brechlin an sein Brett zurück, erspähte noch im Stehen den befürchteten Zug seines jungen Gegners und löste das eben gegebene Versprechen umgehend ein. Til Joppich startete nur vom Setzlistenplatz 96. Mit drei Punkten erspielte er sich den 65. Platz und steigerte seine Wertzahl um über hundert Punkte.

FIDE-Meister Thomas Schunk (2123, SG Leipzig) legte in der 5. Runde gegen Großmeister Zigurds Lanka eine scharfe Angriffspartie hin. Nach einem Springeropfer bot er zwei Züge später gleich noch ein Qualitätsopfer an. Dieser auf dem Feld f6 eingeschraubte Turm beeindruckte den Großmeister, der mit der Zeitkontrolle zuerst seinen Stellungsvorteil einbüßte und kurz danach – mit Turm und Leichtfigur mehr – in der Brettmitte in ein unabwendbares Matt lief, das die letzten drei weißen Angriffsfiguren ausgeheckt hatten. »Entschuldigung«, entgegnete Thomas Schunk, als ihm Zigurds Lanka die Hand als Zeichen zur Aufgabe der Partie reichte.

Noch tragischer ging es in der letzten Runde zu. Die Internationale Meisterin Maria Schöne (2223, SG Aufbau Elbe Magdeburg) fand im Paulsen-Sizilianer gegen Markus Lipinsky (2009, SC Tarrasch 45 München) nach einem frühen energischen Figurenopfer nicht die richtige Fortsetzung und investierte deshalb eine weitere Leichtfigur, um die Spannung lebendig zu halten. Objektiv betrachtet war für sie die entstandene Position schon nach dem 13. Zug verloren, blieb aber wenigstens unübersichtlich. Schwarz gab in der Folge eine Leichtfigur zurück, trocknete das Gegenspiel zunehmend aus und schien alles im Griff zu haben, verlor jedoch nach mehreren verpassten Möglichkeiten auf einmal zuerst den Faden, dann den üppigen Vorteil vollständig und ließ schließlich sogar die restliche Zeit ablaufen. Spielerin und Spieler waren darüber gleichermaßen entsetzt. »Das ist so ungerecht«, entfuhr es Maria Schöne ungläubig. Markus Lipinsky war so paralysiert, dass er die Internationale Meisterin fragte, ob sie die Partie wenigstens nachträglich remis machen könnten. »Das geht aber nicht«, gab sie ihm zu verstehen. In einer verkorksten Situation befand sich in der letzten Runde auch Olaf Brechlin. Wiederholt war ihm mit Schwarz die Eröffnungsbehandlung missraten. Irgendwie gelang es ihm dieses Mal aber eine geraume Weile, die Stellung zusammenzuhalten, bevor sie allmählich doch zerbröselte. Die Abwehr eines einzügigen Matts mit seinem König verknüpfte er mit einem Remisangebot. Und tatsächlich grübelte sein Gegner Tom Sadewasser (1723, Chemie Bitterfeld) darüber längere Zeit, und als er keinen zwingenden Gewinnweg entdeckte, nahm er es kurioserweise schließlich an. So konnte Olaf Brechlin bei Turnierende wenigstens doch noch einmal kräftig aufatmen, dass sich nicht alle drei weißen Schwerfiguren tummelnd in der schwarzen Stellung vergnügten.

Für den Hallenser U14-Nachwuchsspieler Hugo Post (1863, Reideburger SV 90 Halle) war es bereits die dritte Teilnahme beim Äskulapturnier. Die ersten drei Partien verliefen für ihn erwartungsgemäß: Gegen Til Joppich und Nico Baars konnte er sich durchsetzen, während der Norweger Pal Royset (2180, Tromsø SK) sich für ihn als eine Nummer zu stark erwies. Ein erstes größeres Achtungszeichen gelang Hugo Post in der 4. Runde gegen Maximilian Paul Mätzkow (2075, ESV 1949 Eberswalde). In einem Drachen-Najdorf-Sizilianer scheute er sich nicht davor, das taktische Feuerwerk als Erster zu entzünden. In der Folge schien er in Nachteil zu geraten. Als sein Gegner zweimal nicht die genaueste Fortsetzung fand, gelang ihm die Vereinfachung ins Turmendspiel und darin, den halben Punkt festzuhalten. In der nächsten Runde mit Schwarz gegen WIM Maria Schöne hatte er erneut ein ausgeglichenes Turmendspiel zu verteidigen. Kurz nach der Zeitkontrolle dachte er sich mit einem Turmrückzug eine arglistige Täuschung aus. Nach einem unvorsichtigen Bauernzug kehrte der Turm aufs Ausgangsfeld zurück und ließ die Falle zuschnappen. Von der Abwicklung ins Bauernendspiel und vom Anblick des internationalen Titels seiner Gegnerin ließ sich Hugo Post nicht mehr verunsichern. Ziemlich routiniert eroberte er den ganzen Punkt. Die Auslosung in der 6. Runde schien ihm eine schier unlösbare Aufgabe zu bescheren: Bundesligaspieler IM Paul Hoffmann. Doch mit Weiß hielt er auch in dieser Partie bis ins Endspiel nicht nur erstaunlich gut mit, sondern stand wenige Züge vor der Zeitkontrolle sogar besser bis aussichtsreich. Der Internationale Meister geriet in Sorge und Zeitnot, befreite sich dank großer Erfahrung jedoch aus der misslichen Situation. Das Remis musste er zwar am Ende anerkennen, würdigte es aber gegenüber seinem jungen Kontrahenten angemessen, so dass eine beiderseitige Melange aus Zufriedenheit und Freude diese Partie beschloss. Nachdem Hugo Post in der letzten Runde auch mit Andreas Berthold (2036, SV 1892 Schwarzheide) den Punkt teilte, hatte er insgesamt 4½ Punkte gesammelt – eine überragende Turnierleistung, die zum 17. Rang reichte. Damit wurde er der zweiterfolgreichste Nachwuchsspieler. Nur einer seiner Gegner, Maximilian Paul Mätzkow, schob sich verdientermaßen drei Plätze an ihm vorbei, weil er noch ein halbes Pünktchen mehr erzielte.

Peter Heinrichsen (1633, Gautinger SC) hatte dieses Mal einen grünen und einen roten Stift zum Äskulap mitgebracht, die beide ihre unterschiedliche Teilnahmeberechtigung erhielten: »Wenn ich weiß, dass ich die Partie gewinnen werde, schreibe ich mit dem grünen Stift.« Diese Art der Vorbereitung ließ einen kompromisslos angelegten Partiestil erwarten. Es schien, als hätten sich Nike und Moros zu einem siebenrundigen Wettstreit verabredet, und Nemesis gesellte sich heimlich als höhnisch lachende Dritte hinzu. In den ersten drei Partien übernahm Moros, während Nike sich in stoischem Langmut übte. Peter Heinrichsens Schlagfrequenz ließ ihm genügend Zeit, währenddessen die leidende Nike aufmerksam zu beobachten, bis sie total verpickelt war. »Ich wollte ihr schon sagen, dass man so was nicht macht.« Doch Nike schöpfte immer mehr innere Kraft, in der Gewissheit, ihre Runde würde mit großer Sicherheit kommen. Am Morgen des dritten Turniertages schien es endlich soweit zu sein: In der Schwarzpartie gegen Mikayel Khanbekyan aus Magdeburg (1633) setzte sich Peter Heinrichsen zuversichtlich ans Brett und griff siegesbewusst zum grünen Stift.

Es entwickelte sich ein von beiden Seiten leidenschaftlich geführter Schlagabtausch. Zuerst schickte Weiß einen rasenden Bauernsturm los und stand fast auf Gewinn, forcierte dann aber die Bauernumwandlung zur Dame zu ungestüm. Als sich der Partieverlauf drehte, ignorierte Weiß im Blutrausch ein Friedensangebot. Schwarz fand mit einer Qualität weniger ins Spiel zurück und machte selbst einen Bauernsturm flott, von dem sich Weiß schließlich plump überrennen ließ: »Der Wüstenkrieger wollte lieber mit wehenden Fahnen untergehen als ein friedliches Remis anzunehmen.« So fasste Peter Heinrichsen das wüste Geschehen hinterher zusammen. In dieser Partie hatten alle drei ein bisschen triumphiert: Nike, Moros und Nemesis. In der Nachmittagsrunde kam der grüne Stift zwar nochmals zum Einsatz, aber es fehlte ihm die nötige Schreibkraft, um auch noch gegen Nachwuchsspieler Gero Schulemann (1571, USV Halle) erfolgreich zu bestehen: »Mein Kortisolspiegel war durcheinander«, erklärte Peter Heinrichsen, was nach jenen aufregenden Tagesgeschehnissen voller Wirrungen nicht verwunderlich war. Der Kortisolspiegel wurde am nächsten Abend bei der Abschlussfeier im Wirtshaus zur Altstadt mit zwei Eisbechern zum Hauptgang allmählich wieder auf Normalniveau geeicht.

Nach einem Jahr Pause war Stammgast Marcus Ramlow (2032, SC Steinbach) wieder unter den Äskulapteilnehmern zu finden. Er erwischte einen idealen Turnierauftakt. Nach zwei Partieerfolgen entführte er IM Cliff Wichmann (2226, ESV Nickelhütte Aue) und WIM Maria Schöne jeweils einen halben Zähler. Nur die Partie gegen FM Karsten Schulz verlor er. Doch in der vorletzten Runde passierte ihm ein tragisches Missgeschick, obwohl er gegen den U14-Nachwuchsspieler Malte Hundrieser (1899, Reideburger SV 90 Halle) die richtige Kindsbehandlung anwendete, die Dame bereits vor dem 10. Zug abtauschte. Später erhielt er zwei Leichtfiguren gegen einen Turm. Mühsam gelang es ihm, diesen kleinen materiellen Vorteil nach dem 40. Zug zunehmend positionell auszubauen. Als im 60. Zug endlich eine Gewinnstellung herangereift war, weckte ihn aus heiterem Himmel eine Teenagerstimme, klangfarblich nicht goldglöckchenhell, sondern eher etwas verschmutzt zwischen Siena und Umbra, und machte ihn streng gescheitelt auf die abgelaufene Bedenkzeit aufmerksam. Marcus Ramlow reagierte erst ungläubig, dann entgeistert, dass keine weitere Gangreserve mehr zur Verfügung stand. Eine Niederlage in klar gewonnener Stellung zu unterzeichnen, fühlte sich an, als habe ihn jemand unbemerkt rasiert. In der letzten Runde gegen Ulrich Fitzke (1830, SV Bau-Union) trat er nicht mehr an und brach verärgert das Turnier ab. Bis zum nächsten Jahr wird das schmerzliche Erlebnis hoffentlich verblasst sein, denn die Zeit fügt zwar Schmerzen zu, heilt jedoch angeblich alle Wunden – auch kleine.

Ohne Blessuren spielte sich GM Gerald Hertneck (2483, MSA Zugzwang 82) munter durchs Turnier und traf zwischendurch auf vertraute Rivalen. Gegen WIM Maria Schöne gewann er dieses Mal ohne große Anstrengung. Gegen GM Vladimir Sergeev und IM Kamil Stachowiak (2368, SK Zehlendorf) gab er nach Zugwiederholung im Endspiel jeweils ein Unentschieden ab, wobei er den Großmeister am Rand einer Niederlage hatte. Nicht nur für Gerald Hertneck wird die Partie in der 6. Runde gegen IM Cliff Wichmann unvergesslich bleiben. In ihr erlebte er ahnungslos seinen kritischsten Moment, den erst die Computeranalyse schonungslos ans Licht brachte. Nach der Mittagspause sprach sich die Geschichte vom verborgenen Mattnetz schnell herum. Weiß wäre in diesem Fall mit 30.d7 und auch mit 30.Ta8 zu spät gekommen. Cliff Wichmann hätte also aus schlechterer Position heraus das Blatt komplett wenden können. »Das wäre aber ungerechtfertigt gewesen«, resümierte Gerald Hertneck, der auf seine eigenen Partien immer einen selbstkritischen Blick zurückwirft. »Der Wichmann ist ein Naturschachspieler. Entscheidende Stellungen behandelt er liederlich. Er dachte erst nach, als es schon zu spät war.« Nachdem er en passant am Glück vorbeimarschierte, gab er nur wenig später und noch vor der Zeitkontrolle auf. Cliff Wichmann zählt zu den Spielern, die erst ans Brett zurückkehren, wenn sie am Zug sind, und nach der eigenen Zugausführung das Brett umgehend wieder verlassen. »Born to walk«, bezeichnete der russische Großmeister Alexander Morozevich diese svidlereske Spielernatur, die im Turniersaal herumtigernd unzählige Bahnen zieht und Runden dreht. Sollte es doch einmal live gelingen, diese stetige Unruhe länger still am Brett sitzen zu sehen, handelt es sich höchstwahrscheinlich um ein unverwackeltes Standbild.

Vor der Finalrunde lagen vier Spieler mit jeweils fünf Punkten an der Tabellenspitze, unter denen der Turniersieger zu ermitteln war. Gerald Hertneck bekam FIDE-Meister Hendrik Hoffmann (2262, SG Leipzig) zugelost, der sich in blendender Form befand. Und da GM Vladimir Sergeev auf IM Kamil Stachowiak traf, spielte der Münchener Großmeister vor Partiebeginn ernsthaft mit dem Gedanken, mit Schwarz ein frühes Remis anzustreben. Die Eröffnungsphase wollte er dafür aber noch abwarten, und diese behandelte Weiß äußerst merkwürdig. Die zu frühe Zentralisierung des weißen Springers im 10. Zug brachte Schwarz bereits in Vorteil. Nach dem Damentausch schien die Welt für Weiß in bester Ordnung zu sein, doch der Schein trog, denn hinter einem einfachen Bauernhebel gegen das sensible weiße Zentrum warteten weitere dynamische Möglichkeiten für Schwarz. Nun fiel es Gerald Hertneck leicht, sein Remisvorhaben ad acta zu legen, denn nur fünf Züge später erwies sich die weiße Stellung nicht mehr als verteidigungsfähig. Mit so einem schnellen Sieg war nicht zu rechnen. Beide Spieler wussten danach, woran es lag. »In der Analyse habe ich gemerkt, dass der Hoffmann ein starker Spieler ist.«

Den Schlusspunkt des Äskulaps setzte der unverwüstliche Mikayel Khanbekyan. Als er im Turmendspiel eine simple Gewinnabwicklung gegen Schachzwerg Ole Zeuner verpasste und aus dem gewonnenen Turmendspiel noch ein Damenendspiel entstand, wurde es richtig leidenschaftlich in dieser letzten noch laufenden Äskulappartie. Schiedsrichter René Zimmermann verließ kopfschüttelnd die Brettnähe und flüchtete fassungslos bis zum anderen Ende des Turniersaals. Die Zuschauertraube um das Brett wuchs indes mit der üppigen Anzahl ausgelassener Gewinnmöglichkeiten. Im 95. Zug, nach fünfstündiger Spielzeit, gab Schwarz seine Gewinnversuche auf und lehrte: keine Regel ohne Ausnahme. Die Einführung des Inkrements in die Bedenkzeitregelung kann selbst einen sonst so souverän und gelassen agierenden Schiedsrichter in den Wahnsinn treiben.

Im Verfolgerduell einigten sich Vladimir Sergeev und Kamil Stachowiak erwartungsgemäß früh und friedlich. Bei seiner siebenten Äskulapteilnahme erreichte Gerald Hertneck somit als Einziger und zum ersten Mal sechs Punkte und wurde frisch gebackener Äskulapgewinner. Seine engsten Verfolger Sergeev und Stachowiak schüttelte er jeweils mit einem halben Punkt Vorsprung souverän ab. Bei seinem ersten Turniersieg im Jahr 2012 gewann er punktgleich erst nach Zweitwertung. Dieses Mal brauchte er nicht auf das Wertungsglück zu hoffen. Übrigens wäre er von ihm bitter enttäuscht worden, denn ein Unentschieden gegen Hendrik Hoffmann hätte nicht zum Turniertriumph gereicht. So war aber die Freude riesig: »Ich bin besonders darüber froh, dass ich dieses Mal das Turnier allein gewonnen habe. Ich habe dieses Mal aber auch Glück mit der Auslosung gehabt. Der Krivonosov hat die ersten drei Partien gewonnen und danach nur noch Remis gespielt. Aber dieses Mal hat er sich verzockt.« Und auch alle hinter ihm. Lässt sich dieses Ergebnis beim nächsten Mal überhaupt noch steigern? Vielleicht mit einem synchronen Paarlauf der nationalen und internationalen Wertzahl über die begehrte Grenze bei 2500. Dr. Peter Möller machte es schon mal anhand zweier eigener Grenzüberschreitungen im Kleinen vor: keine mitgeschleppten Bücher lesen und trotzdem wohlwissend, DWZ über 2000 kann so spielend leicht sein.

Elf Turnierteilnehmer überstanden die 34. Auflage des Äskulaps ohne Partieniederlage. Zu diesem erlauchten Kreis gehörten lediglich drei Nichttitelträger, zwei Äskulapdebütanten, aber nur einem einzigen Spieler gelang das feine Kunststück, sechs Partien hintereinander zu remisieren: dem U20-Nachwuchsspieler Erik Fischer (1938, SK König Plauen), der dieses Debüt sogar mit einem neuen persönlichen Wertzahlhoch krönte. 48-28-19-16-19-17-53, so lautet der nachvollziehbare 200-Züge-Code zur Unbesiegbarkeit: Dem etwas länger dauernden Auftaktsieg im Oberhaus folgten fünf kurze, knackige Rundensequenzen gegen ausnahmslos stärkere Gegnerschaft. Nur Rainer Röhl (2055, SF Schwerin) brauchte in der letzten Runde eine längere Belehrung, bis er einsichtig die ganze Breite des ihn umschlingenden Remisbands wahrnahm. Grundsätzlich wirken bei Spielernaturen zwei diametrale Triebe, die möchten entweder immer gewinnen oder niemals verlieren. Zu Naturschachspielern und Wüstenkriegern gehört ein Remisheld somit als friedvoller Ausgleich. Der Wüstenkrieger liebt unaufhaltsam die süße Bitternis, die wehende Fahnen bis in den frostigen Untergang hinterlassen, auch wenn es der eigene ist, während der Naturschachspieler über einen hybriden Antrieb verfügt. Einerseits gewinnt er gern, andererseits verrät ihm sein zartes Gespür, wann es auf den Vorzug einer Punkteteilung zu setzen gilt, eine Partie so möglichst schnell zu beenden. Dafür bleibt genügend Zeit zum Plädoyer über das beharrliche Weiterspielen einer Schachpartie – an anderen Brettern. Dass hingegen ein Sturm die eigene Flaute austreibt, ist ein äußerst selten zu beobachtendes Naturschauspiel, dem die Insistenz nicht innewohnt.

Wenn sich der stürmische Sand zur Ruhe legt, nur noch wohlige Wärme spendet und sich nicht mehr in staunende Augen streut, erfreut sich der Schiedsrichter größter Zufriedenheit, die Skepsis weicht und der Hedonist genießt den Glücksmoment unbeschwert in vollen Zügen.

XXXIV. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 104 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. GM Gerald Hertneck 2485 MSA Zugzwang 82 6.0 29.5
2. GM Vladimir Sergeev 2436 Kijów 5.5 30.5
3. IM Kamil Stachowiak 2415 SK Zehlendorf 5.5 29.0
4. IM Oleg Krivonosov 2448 TSV Schott Mainz 5.0 29.5
5. FM Thomas Schunk 2173 SG Leipzig 5.0 29.5
6. IM Michal Luch 2406 SK Zehlendorf 5.0 28.5
7. FM Hendrik Hoffmann 2317 SG Leipzig 5.0 28.5
8. IM Virginijus Dambrauskas 2270 VSBK NSEL 30 5.0 28.0
9. GM Lev Gutman 2414 SV Lingen 5.0 27.5
10. Pal Royset 2180 Tromsø SK 5.0 27.5
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29. Erik Fischer 1938 SK König Plauen 4.0 26.0
50. Christof Beyer 2014 SK König Plauen 3.5 23.5

Christof Beyer

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letzte Aktualisierung am 21. März 2018