Kolumne: Die Kunst des Krachs...

Die Kunst des Krachs oder die Ausrufung äußerster Gewalt gegen die Degeneration
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"Wie viele Partieformulare braucht man für eine Schachpartie?"
(Schiedsrichter René Zimmermann)
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Der Königsindische Angriff, häufig auch Königsindisch im Anzug genannt, wird vom Berliner A-Trainer Holger Borchers mit größter Vorliebe als Faulpelzeröffnung bezeichnet, weil diese keinerlei Kenntnis über ellenlange Theorieabspiele verlangt. Der Raumnachteil und die zugelassene gegnerische Bauernmehrheit im Zentrum amüsieren Computerprogramme allerdings nicht allzu sehr, weshalb die entstehende Stellung noch nach der Eröffnungsphase mit bis zu minus null Komma vier Bauerneinheiten bewertet wird.

Schon so mancher computergläubige Schützling in seinem Leichtsinn warf dem A-Trainer deshalb vor, dass diese Eröffnung für Weiß nicht gut sein kann. Bei diesem Vorwurf steht Holger Borchers bereits mit dem Tennisschläger in erhobener Hand und diebischer Vorfreude erwartungsbereit am Netz, denn immer wenn – wie er es nennt – jeziegelt wird, treibt es ihn zur Höchstform an: »Großmeister Movsesian spielt dit och. Jetzt jibt et drei Möglichkeiten: erstens, der Großmeister spielt absichtlich eene schlechte Variante, zweitens, der Trainer hat keene Ahnung und versteht die Stellung nicht. Denn dass drittens der Computer irren könnte, kommt ja auf keenen Fall in Betracht.«

Das Jugendhaus Wartburg in der Johannes-Wüsten-Straße war zur 35. Auflage des Äskulap-Turniers erneut bis zur Kapazitätsgrenze gefüllt – beträchtlich rappelvoll. 118 Teilnehmer folgten dem österlichen Ruf nach Görlitz. Im großen Stammspielerensemble befanden sich wieder viele internationale Titelträger (vier Großmeister, sieben Internationale Meister, eine Internationale Meisterin sowie drei FIDE-Meister), aber auch sehr talentierte Jugendspieler und noch jüngere, frühentwickelte, spielstarke Schachzwerge, die eindrückliche Zeichen hinterließen.

Dr. Peter Möller (DWZ 1992, HSG Uni Rostock) reiste bereits am Sonnabend an. Sein Gepäck hatte er zwar vorgeschickt, jedoch traf es erst am Dienstag mit dem Paketversand Hermes ein. Nicht nur in etymologischer Hinsicht gilt das griechische Wörtchen herma als Ballast. Die unangenehme Verspätung lastete auf dem Rostocker als Zugzwang, und so musste er sich mutig mit Unterwäsche bei einem berüchtigten Textilunternehmen einkleiden, in dem der aufgeklärte Kunde bekanntlich weder gern König ist noch klaut. Über Umwege am selben Tag kamen der Münchener Großmeister Gerald Hertneck (2470, MSA Zugzwang 82) und Peter Heinrichsen (1673, Gautinger SC) in Görlitz an. Die Reiseroute führte beide ab Erfurt über Leipzig, Wittenberg, Cottbus noch kreuz und quer durch drei weitere Bundesländer. Und das bei diesem eigens mitgebrachten Gepäck. Peter Heinrichsen hatte dieses Mal nämlich höchst vorsorglich noch eine Reisetasche gepackt, obwohl er sonst immer alle Sachen irgendwie in einem Rucksack verstaut. Die zusätzliche Reisetasche diente einer mitgebrachten Nespresso-Maschine. Damit wollte er sich wachsam der Kannibalisierung durch die Schachzwerge erwehren. Im erschöpften Zustand nach der Ankunft erinnerte sich Peter Heinrichsen im Dreibeinigen Hund an einen Weltklassespieler und gleichzeitig an sich selbst: »Aronian fühlt sich nach dem Kandidatenturnier genauso wie Heinrichsen nach dem letzten Äskulapturnier.« Erst wenige Stunden zuvor endete das abenteuerliche Kandidatenturnier in Berlin, bei dem Levon Aronian deutlich abgeschlagen nur Letzter wurde und nach dem nicht mal mehr der Herausforderer des Weltmeisters ein Russe ist.

Nachdem Matthias Grall, der Präsident des Görlitzer Schachvereins, die bilingualen Begrüßungsworte an alle Äskulapianer gerichtet hatte, begann am Mittwochabend die traditionelle Auftaktrunde, welche dieses Mal zwar arm an überraschenden Ergebnissen blieb, aber reich an erstaunlichen Momenten auf den 64 Feldern war. Dazu gehörte die Partie des bayrischen Nachwuchsspielers Alexander Ließ (1807, SC Bavaria Regensburg von 1881) gegen FIDE-Meister Karsten Schulz (2203, SF Schwerin). Erst ein beherztes, langfristig angelegtes strategisches Qualitätsopfer kurz nach der Zeitkontrolle brachte dem Favoriten im 74. Zug den hart erarbeiteten Sieg.

»Die interessanteste Partie wurde in der 1. Runde, am 1. Brett gespielt«, resümierte Titelverteidiger Gerald Hertneck. »Mir sind die Züge ausgegangen. Auf Dh4 und Tae1 hätte ich nicht mehr gewusst, was ich noch hätte ziehen sollen. Ich dachte mir, das kann doch jemand mit einer 1800 nicht ewig aushalten.« In einer guten Stellung allerdings schon, und sein Gegner Olaf Brechlin (1827, FVS ASP Hoyerswerda) befand sich in einer sehr guten Stellung. Mit druckvollem Spiel hatte er den Großmeister nach 22 Zügen haarscharf an den Rand einer Niederlage gebracht. Doch das erwartete Eingreifen des Turms auf dem Feld e1, welches mit Tempo erst noch zusätzlich gedeckt werden musste, kam einen Zug zu früh und verfehlte deshalb die Wirkung. Der Münchener Großmeister atmete sich erleichtert ins Spiel zurück. »Ich habe in der Datenbank nachgeschaut und festgestellt, dass ich 1988, also vor 30 Jahren, das letzte Mal gegen jemanden verlor, der eine Elo unter 2100 hatte. Das war zu Beginn meiner Schachkarriere.« Beim Berliner Sommer gegen Ferdinand Roski.

Dagegen nutzte Till Heistermann (2164, Schachgemeinschaft Leipzig) einen unachtsamen Turmzug des russischen Großmeisters Vladimir Sergeev (2417, SK Bregenz 1920) in der 3. Runde gnadenlos aus. Den äußerst bedrohlichen Freiblick auf der Diagonalen von b2 bis nach h8 ins Versteck des schwarzen Königs kombinierte er mit einem ablenkenden krachenden Einschlag auf dem Damenflügel, aus dem sich der Gewinn einer Leichtfigur materialisierte – ein tief sitzender Schock für den Großmeister, der danach weitere 14 Züge brauchte, um sich seinem Schicksal zu fügen. Auch außerhalb des Turniersaals lief es für ihn nicht rund. Als er in die Herrentoilette einbog, war sie prompt besetzt. Höflich wartete er draußen vor der Tür. Minuten später wurde sie frei. Er ging hinein, wusch sich die Hände, verließ das Örtchen anschließend, hielt draußen kurz inne, als ob etwas nicht stimmen könne, schlug sich mit der flachen Hand erkenntnisreich gegen den Kopf und ging wieder in die Toilette hinein. Er hatte nicht nur die Reihenfolge vertauscht, sondern das Wichtigste vergessen. Seine Situation erinnerte frisch an einen anderen russischen Großmeister, an Alexander Grischuk während der 4. Runde des Kandidatenturniers, und doch differierte das Geschehene an entscheidender Stelle: »I had 5 minutes and I wanted to go to the bathroom and it was closed. Ok, so I ran back, made one more move and then went again, and then just some random person went out of it, so already we have only one toilet and some people using it apart from the players. Hard to comment.«

In derselben Runde zwischen Felix Schulte (2042, USV Halle) und Till Stockmann (1750, Schachzwerge Magdeburg) schien für den um 300 DWZ-Punkte schwächeren Spieler etwas Zählbares in greifbarer Nähe zu sein. Im Endspiel Läufer gegen Springer hatte der Magdeburger Schachzwerg sogar einen Bauern mehr, aber gleichzeitig auch Angst davor, sein abseits stehender Springer könnte gefangen werden. In der Absicht, dieses Problem zuerst mit einer Befreiungsaktion zu lösen, gab er seinem Gegner die kuriose Möglichkeit, nach Rückzug des angegriffenen Läufers auf die Grundreihe ein undeckbares Matt im nächsten Zug zu drohen.

In der Vormittagsrunde des nächsten Turniertages stand zwischen Alexander Ließ und Andreas Wolf (2028, FVS ASP Hoyerswerda) seit dem 53. Zug Holger Borchers’ Lieblingsendspiel auf dem Brett: Turm und Läufer gegen Turm. Schwarz verteidigte sich lange Zeit korrekt, aber zwischen dem 81. und dem 83. Zug unterliefen Andreas Wolf doch zwei kritische Fehler hintereinander, die Weiß allerdings nicht bestrafen konnte. Es ist nämlich nicht nur kompliziert, dieses Endspiel 50 Züge lang präzise zu verteidigen, sondern auch schwer, immer wachsam eine sich endlich bietende Chance eiskalt auszunutzen, denn solche Endspiele werden fast immer bei knapper Bedenkzeit und schwindender Konditionskraft beider Spieler ausgetragen.

Zu den vielen Schachzwergen und Halbzwergen, die das Äskulap-Turnier bereicherten, stach der auf Setzlistenplatz 52 gestartete, erst im Jahr 2006 geborene Tyron Milare (1879, Potsdamer SV Mitte) heraus. In der vierten Runde machte er mit seiner schwungvollen positionellen Spielanlage zum ersten Mal auf sich aufmerksam. Seinem Gegner Jörg Lorenz (1967, TSG Oberschöneweide) war die Behandlung der Rossolimo-Variante völlig missraten. Zwei ungenaue Bauernzüge, der erste gleich in der Eröffnung, der zweite folgte beim Übergang ins Mittelspiel, genügten dem Potsdamer Nachwuchstalent für einen überzeugenden Schwarzsieg mit so richtigem Rabatz. Die Fortsetzung des energischen Angriffs auf dem Königsflügel dauerte nach der langen Rochade nur noch weitere zwölf Züge. Es wurde kunstvoll Krach gemacht, bis die gegnerische Stellung nach insgesamt 28 Zügen vollständig demontiert und aufgabereif war. Gegen Gunnar Johansson (2201, Solna Schacksällskap) gelang dem Potsdamer ein ungefährdetes Remis im Endspiel, welches der Schwede sogar selbst offerierte. Und so saß Tyron Milare vor Beginn der 6. Runde am frühen Morgen plötzlich erwartungsvoll vorn am Tisch acht und erwartete mit Unschuldsmiene geduldig den norwegischen FIDE-Meister Joachim Solberg (2301, Sarpsborg Sjakklubb). Bis ins Schwerfigurenendspiel hielt er auch dieses Mal problemlos mit, doch dann unterschätzte er die Wirkung des vorgerückten e-Bauern, den es unbedingt zu blockieren galt. Im einzigen taktischen Partiemoment musste er kurz darauf mit ansehen, wie ihm ein eigenes Grundreihenschach rauschend um die Ohren flog. Ausgerechnet einen verteidigenden Abzug, der sich mit einem Gegenschach gleichzeitig kraftvoll zu einem Angriffszug mauserte, bekam er auf die Mütze. Diese Niederlage entmutigte ihn aber nicht, in der letzten Runde selbst noch einmal der Hammer zu sein. Eindrucksvoll schlug er auf Marcus Ramlow (2029, Schachfreunde Bad Emstal/Wolfhagen) ein und bestrafte ihn für ein positionelles Eröffnungsvergehen. Nach 17 Zügen gelang es Tyron Milare bereits, in ein Doppelturmendspiel mit einem Mehrbauern und besserer Bauernstruktur abzuwickeln. Ein Turmpärchen wurde bald vom Brett getauscht, die Partie zog sich indes noch lange hin, allerdings mit einseitigem Verlauf, also ohne auch nur den leisen Hauch einer Gegenwehr. Stattdessen sammelte er fleißig alle angebotenen gegnerischen Bauern ein und behielt im Turmendspiel dafür noch fünf eigene übrig, so dass es nicht nötig wurde, extra eine Brücke zu errichten oder eine solche gar emporzuheben. Mit 4½ Punkten auf dem 22. Platz gehörte Tyron Milare bei seinem Äskulapdebüt zu den drei erfolgreichsten Nachwuchsspielern.

Mit diesem Potsdamer Äskulap-Youngster bekam es Peter Heinrichsen zumindest nicht zu tun. Trotzdem brauchte er die anderen Schachzwerge nicht extra herbeizurufen. Sie kamen – von magischer Auslosungshand geführt – ganz allein zu ihm ans Brett, am zweiten Turniertag sogar gleich zwei des Jahrgangs 2004 hintereinander. Bei Felix Schletter (1425, Schachclub 90 Niesky) fiel Peter Heinrichsen mit Schwarz in der Owen-Verteidigung von einer Ohnmacht in die nächste, stand nach den ersten zwanzig Zügen auf Verlust, aber noch nicht zum Aufgeben, und fand nach dem Damentausch auf einmal das Gleichgewicht wieder. Das kurz vor der Zeitkontrolle entstandene symmetrische Turmendspiel mit jeweils drei Bauern wurde noch bis zum letzten Bauern geknetet und erst dann der Punkt geteilt. In der Nachmittagsrunde traf er auf Clemens Beyer (1434, SC Eintracht Berlin). Dieses Mal stand er mit Weiß nach 20 Zügen fürchterlich auf Abriss, doch wiederum gelang der Damentausch, die Stimmung auf dem Brett hellte sich allmählich für ihn auf, und als Schwarz ausgerechnet zum ersten Mal einen Bauern gewinnen wollte, drehte sich das Blatt kolossal. Mit wenigen Zügen verscheuchte er den Schachzwerg konterartig und ließ ihm bald nur noch die abschließende Wahl zwischen einem arabischen Matt oder einem materialistisch orientierten Springerabzug.

Gegen Viktor Schäfer (1827, SV Gambit Kamenz) gelang Peter Heinrichsen mit frischer Kraft am nächsten Morgen seine wohl beste Partie. Entschieden wurde sie in einem Doppelturmendspiel. Nachdem er eine gute Möglichkeit verpasste, eine Gewinnstellung zu bekommen, schien sich ein Unentschieden anzudeuten. Doch nur drei Züge später ließ Viktor Schäfer im ungebremsten Vorwärtsdrang nicht nach, seinen Freibauern in eine Dame zu verwandeln und wurde dafür prompt hinterrücks matt gesetzt.

Nach dieser Anstrengung fügte Peter Heinrichsen am Nachmittag noch eine Energieleistung hinzu und spielte gegen Benno Pankrath (1908, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) mit 95 Zügen seine längste Partie. »Die Anzahl der leicht zu gewinnenden Abwicklungen betrug ungefähr 15 bis 20. So was mache ich normalerweise beim Blitzen im Schlaf. Leider war ich aber beim tugendhaften Nachdenken.« Nach Peter Heinrichsens Resümee widerfuhr Benno Pankrath jene Auferstehung, die ihm die Schachzwerge gewährten. Üblicherweise verbraucht Peter Heinrichsen in seinen Partien maximal 20 Minuten, während seine Gegner alle in den Inkrementsekunden ihrer Bedenkzeit hängen, die nicht selten nur zur Verzweiflung reichen. Doch dieses Mal bot sich ein ganz anderes Bild. »Ich sehe hier einen völlig neuen Peter Heinrichsen. Und er verbraucht zum ersten Mal mehr Bedenkzeit als seine Gegner«, stellte Gerald Hertneck verblüfft fest. Peter Heinrichsen war auf irdische Weise nicht mehr zu bremsen: »Aus kosmischer Sicht wird am Samstag der Tag äußerster Gewalt gegen die Degeneration ausgerufen.«

Nach holprigem Turnierstart fand Gerald Hertneck mit zwei flotten Siegen gegen Florian Schmekel (2029, SAV Torgelow-Drögeheide 90) und den Internationalen Meister Cliff Wichmann (2278, ESV Nickelhütte Aue) zurück in die Spur, und besonders nach dem zweiten Tagessieg bestärkte ihn auch wieder sein Selbstvertrauen. Er unterhielt sich nach der Partie mit Cliff Wichmann über eine Stunde angeregt. Gerald Hertneck hatte ihn mit Grünfeld-Indisch überrascht. Cliff Wichmann spielte h4, den Zug von Morozevich, aber h5 war bereits ein ernst zu nehmender Fehler, weil der Läufer auf g5 nicht mehr gedeckt ist. Er gab sehr früh auf, weil er keine Lust auf ein langes Leiden verspürte. »Das ist merkwürdig. Als Schachspieler muss man bereit sein, so etwas auszuhalten.«

Wie schon zwei Jahre zuvor, so kam es auch dieses Mal in der 4. Runde mit derselben Farbverteilung zur erneuten Begegnung mit dem Internationalen Meister Paul Hoffmann (2367, USV TU Dresden). Während in der Vorgängerpartie nach 35 Zügen der Punkt geteilt wurde, kämpften dieses Mal beide im Turmendspiel mit ungleichfarbigen Läufern um mehr und bekamen allmählich das untrügliche Gefühl, dass hier eine für den Turnierausgang vorentscheidende Partie ihren Lauf nahm. »Ich ließ mich dazu hinreißen, den Turm zu tauschen. Das hätte ich nicht tun dürfen«, kommentierte Gerald Hertneck nach der Partie seinen 43. Zug. Doch nicht das danach entstandene ungleichfarbige Läuferendspiel an sich war das Problem, sondern die unverzeihliche Leichtsinnigkeit, den e4 Bauern aufzugeben, der es dem schwarzen König erst ermöglichte, auf dem Damenflügel einzubrechen und mörderisch zuzubeißen. »Die entfernten Freibauern. Paul Hoffmann ist ein sehr starker Spieler«, stellte Gerald Hertneck anerkennend fest. »Nach der Partie war ich so erschöpft, dass ich mich erst einmal im Hotel eine Stunde hinlegen musste.« Denn zur Nachmittagspartie galt es für ihn, mit Schwarz gegen den Norweger Pal Royset (2281, Tromsö SK) erholt und mit frischer Kraft zurückzukehren.

Steffen Michel (2076, VfL Gräfenhainichen) und der Internationale Meister Michal Luch (2349, SK Zehlendorf) lieferten sich in der 5. Runde die längste Partie des gesamten Turniers. Als der Druck auf seinen c4-Bauern im Mittelspiel immer größer wurde, war Steffen Michel bereit, nur für zwei Tempi eine Leichtfigur zu investieren, um auf dem Feld c6 einen gedeckten Freibauern dauerhaft einzuschrauben, somit den hängenden Bauern in einen standfesten zu verwandeln. Der Internationale Meister tat sich danach sehr schwer, diesen Materialvorteil in festungsähnlicher Umgebung zu verwerten. Immer wieder grübelte er aufs Neue darüber nach, geriet zunehmend in Zeitnot und wurde nervös. Nach einer langen Phase des Lavierens verabschiedeten sich zuerst die Türme und dann auch die Damen vom Brettgeschehen. Die praktische Beantwortung der Frage nach dem qualitativen Unterschied zwischen einem schwarzfeldrigen Läufer und einem gedeckten Freibauern auf weißem Feld ließ weiterhin auf sich warten. Mit Zugzwangideen wollte Michal Luch ins gegnerische Lager eindringen. Doch weder das positionelle Bauernopfer noch der Seitwärtsschritt mit dem König brachten einen sichtbaren Fortschritt. Das Bauernangebot hätte Weiß annehmen können. Am Ende einer forcierten Abwicklung wäre ein Damenendspiel mit noch einem d-Bauern entstanden, das zwar objektiv ausgeglichen ist, aber Schwarz praktische Chancen zum Herumfummeln eingeräumt hätte. Der wirksame Schlüssel zum Erfolg lag einzig im verborgen gebliebenen, studienartigen Läuferrückzug auf die Grundreihe. Am Ende der Partie entwickelte sich aus einer ähnlich forcierten Zugabfolge tatsächlich noch ein Damenendspiel, aber nicht mit einem zusätzlichen Zentrumsbauern, sondern mit einem Randbauern – eine theoretisch leichter zu verteidigende Version des Damenendspiels. In ausgeglichener Stellung brachte ein ärgerlicher Fehltritt mit der Dame im 110. Zug dem Internationalen Meister doch noch den Sieg.

Ein solides Turnier unter widrigen Bedingungen gelang Dr. Peter Möller, denn er musste sich dieses Mal intensiver mit Nasentropfen, Tabletten und Wick-MediNait beschäftigen als mit seiner kommenden Gegnerschaft. Doch das Londoner System ist nicht nur eine flüchtige Modeerscheinung, sondern auch eine verlässliche Anwendung in gesundheitlich schweren Turnierstunden, wenn der rosige Kopf schwerer als sonst auf den Armen lastet, insofern gilt es sogar als Faulpelzeröffnung für Fleißige mit vorübergehendem Handikap beim Tatendrang. Der Berliner U16-Nachwuchsspieler Jirawat Wierzbicki (2057, SK König Tegel 1949) fand jedenfalls in der 6. Runde nicht eine einzige aktive Idee, und so einigten sich im 20. Zug beide Spieler am errichteten Gartenzaun auf den Brexit. Mit vier Punkten belegte der Rostocker Stammspieler den 32. Platz. Insgeheim liebäugelte er doch noch mit einer kleinen kategorischen Wertschätzung: »Ratingpreis für stärksten grippekranken Spieler unter 2100.«

Nach der Niederlage gegen Gerald Hertneck erkämpfte sich Cliff Wichmann mit einem Doppelsieg wieder eine aussichtreiche Turnierposition zurück. In der vorletzten Runde geriet er jedoch mit Schwarz gegen den polnischen Internationalen Meister Piotr Dobrowolski (2421) unter unliebsamen Druck. Im Mittelspiel der Französischen Tarrasch-Variante hatte er einen Bauern geopfert, für den er allerdings keinerlei Kompensation erhielt. Das aktive Gegenspiel löste sich bald in Luft auf, und die anfängliche Kontrolle der offenen e-Linie musste er wieder abgeben. Fortan verteidigte er sich mit Bauernmalus und isoliertem Zentrumsbauern, während Weiß seine Stellung unbedrängt bis zum deutlichen Vorteil kontinuierlich ausbaute. Höchstens die hochgradige Zeitnot konnte noch einen Streich spielen. Als Weiß mit beiden Schwerfiguren auf der siebten Reihe eingedrungen war, stellte Cliff Wichmann genau mit der erreichten Zeitkontrolle eine tückische Mattfalle, und es war für Piotr Dobrowolski wegen der gebundenen weißen Dame zumindest nicht auf den ersten Blick ersichtlich, wie diese Drohung umgangen werden könnte. Die Gunst der Zeitkontrolle ermöglichte ihm jedoch, genau hinzuschauen, und so fand er nach einer Weile den Gewinnweg, den sein Verteidigungsspringer – vom Rand ins Zentrum und vorwärts wieder an den Rand – zu gehen hatte. Cliff Wichmann erkannte, dass es eine Sache des Momentums war: ein Zug, den man vor der Zeitkontrolle nicht erblicken möchte. Deshalb hätte er lieber auf diesen Trick verzichten sollen, denn im 39. Zug lauerte noch eine gefährliche Reserve, die den weißen Erfolg ernsthaft infrage gestellt hätte: die temporeiche Rückführung des schwarzen Turms auf die offene e-Linie mit anschließendem Einstieg auf der vernachlässigten gegnerischen Grundreihe. In der letzten Runde landete Cliff Wichmann einen deutlichen Weißsieg gegen Benno Pankrath, und so beendete er das Turnier mit fünf Punkten solide auf dem 11. Platz.

Genauso viele Punkte sammelte auch der sachsen-anhaltinische U20-Nachwuchsspieler Gedeon Hartge (2103, USV Halle). Nach dem Sieg gegen Tyron Milare in der 2. Runde war er an den vorderen Brettern zu finden, kam gegen die Internationalen Titelträger immer besser in Schwung und steigerte sich von Runde zu Runde. Großmeister Mikhail Ivanov (2367, SF Bad Mergentheim) musste mit Weiß im Endspiel zur Zugwiederholung greifen, um nicht schlechter zu stehen. Der Internationale Meister Michal Luch geriet mit Weiß beim Übergang ins Endspiel plötzlich in Nachteil und bot deshalb die Punkteteilung an. Und Großmeister Vladimir Sergeev stand mit Schwarz nach einem ungenauen Damenzug im Mittelspiel sogar auf Verlust. Hier erzwang Gedeon Hartge selbst die sichere Zugwiederholung, statt auf verheißungsvollem Gewinnweg neugierig nach der versteckten Osterüberraschung zu forschen. Die Partie gegen Norbert Bauer (1979, SAV Torgelow-Drögeheide 90) endete ebenfalls unentschieden.

Ausgerechnet gegen seinen Mannschaftskameraden Felix Schulte spielte er in der letzten Runde mit Schwarz noch einmal um den vollen Punkt. Im Wolga-Gambit wurden die Damen sehr früh getauscht. Als Weiß mehrmals die Gelegenheit versäumte, mit dem Bauernvorstoß e5 Vorteil zu erlangen, übernahm Schwarz die Initiative am Damenflügel, stellte kleine Fallen auf und provozierte weitere Ungenauigkeiten, bis Weiß endgültig die Züge ausgingen. Ein Schlussrundensieg ist naturgemäß sehr wertvoll. Dieser trug ihn auf den 8. Platz, womit Gedeon Hartge im gesamten Turnierverlauf nicht nur ungeschlagen blieb, sondern mit besserer Wertung vor Sebastian Pallas (2205, SG 1871 Löberitz) sogar erfolgreichster Nachwuchsspieler wurde, mit einer persönlichen Rekordperformance von 2326.

Um nur für ein Remis nichts auf dem Brett zuzulassen, muss man schon ein sehr ausgeprägtes Gespür für den Ausgleich haben. Dem Französisch-Spezialisten Gerald Hertneck konnte Pal Royset mit der gewählten Abtauschvariante in dieser Hinsicht jedenfalls nicht beikommen. Nach 53 Zügen war der Norweger positionell überspielt. In der vorletzten Runde bekam Gerald Hertneck mit günstiger Farbverteilung Mikhail Ivanov zugelost, welcher in der Partie einen ängstlichen Eindruck hinterließ. Als Weiß vor dem Dilemma stand, den c-Bauern oder den e-Bauern zu geben, kam Gerald Hertneck nach 20 Minuten Überlegung auf ein Rückzugsmotiv, das ihn sehr stolz machte. Es war der Beginn beeindruckender Dominanz auf dem Damenflügel. Dagegen erwies sich das schwarze Gegenspiel am Königsflügel als wertloses Trugbild. Mikhail Ivanov verlor das zweite Mal im Turnier die Kontrolle über sich, das erste Mal in seinem Jogginganzug. Der Freibauer auf der c-Linie entschied noch vor dem 40. Zug die Partie für Weiß. Damit schloss Gerald Hertneck zur Führungsgruppe um IM Paul Hoffmann, GM Ilmars Starostits (2441, Rezekne) und IM Kamil Stachowiak (2419, SK Zehlendorf) auf. Die Titelverteidigung rückte auf einmal in greifbare Nähe. Bedingung war allerdings ein abschließender Erfolg mit Schwarz. »Wenn ich in der letzten Runde nicht gegen Stachowiak spiele, versuche ich auf Sieg zu spielen«, kündigte Gerald Hertneck an. Dieser Wunsch erfüllte sich schnell, allerdings ist Ilmars Starostits kein minderwertiger Ersatzgegner, sondern ein turniererfahrenes Großmeisterkaliber. Die Partie war dann auch nicht von langer Dauer. Nach zehn Zügen wurde der Punkt geteilt. »Ein Großmeisterremis«, reflektierte Gerald Hertneck im Vorübergehen. Der kurze Kommentar entsprach der Partiedistanz. Paul Hoffmann, der es stattdessen mit Kamil Stachowiak zu tun bekam, war schon seit der fünften Runde in den zahnlosen Remismodus abgetaucht und der Akt der Tatenlosigkeit somit nur eine Frage der kürzesten Zeit. Mit der Buchholzwertung musste nun aus einem Sextett mit 5½ Punkten der Turniersieger gekürt werden. Nach dem Sieg über Joachim Solberg in der längsten Partie des Tages war Vladimir Sergeev noch in letzter Minute zum Buchholzroulette dazugestoßen. Mit einem halben Buchholzpunkt Vorsprung gewann aber der Internationale Meister Paul Hoffmann zum ersten Mal das Äskulap-Turnier, vor den beiden Großmeistern Gerald Hertneck und Ilmars Stachostits.

»Heute können wir es krachen lassen«, so sehr freute sich Gerald Hertneck bei der Abschlussfeier im Restaurant Mediteranos über den 2. Platz. Auch Peter Heinrichsen hatte am Ende große Glücksgefühle, obwohl die Anwendung äußerster Gewalt bis zum letzten verbliebenen Bauern auf dem Brett gegen den dritten Schachzwerg, Tim Buschmann (1521, Schachfreunde Nordost Berlin), nach 55 Zügen friedlich endete: »Zwei der drei Punkte habe ich gegen Schachzwerge geholt.« Beeindruckend waren vor allem seine ungeheuren Ausdauerleistungen. Er bezeichnete sie selbst als Ewigkeitsrekord, denn in den sieben Partien spielte er insgesamt 398 Züge – und die letzte Patrone war noch gar nicht verschossen. Vor der Zeitkontrolle entließ er seine Gegner nie. Die tägliche Bergwanderung von der Pension Picobello in der Uferstraße steil hinauf zum Haus Wartburg in der Johannes-Wüsten-Straße tat ihm außerordentlich gut, denn er erlebte doch etwas Großmeisterliches, den Aronian’schen Erschöpfungszustand, ein Quell für Inspiration, Kreativität und Durchhaltevermögen, allerdings eben auch eine Qual nach brutalem Scheitern. Spitzbübisch lächelte Peter Heinrichsen zurück: »Schach ist eine grausame Geliebte.«

XXXV. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 118 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. IM Paul Hoffmann 2371 USV TU Dresden 5.5 30.5
2. GM Gerald Hertneck 2488 MSA Zugzwang 82 5.5 30.0
3. GM Ilmars Starostits 2441 Rezekne 5.5 29.0
4. IM Kamil Stachowiak 2440 SK Zehlendorf 5.5 29.0
5. IM Piotr Dobrowolski 2421 5.5 28.0
6. GM Vladimir Sergeev 2417 SK Bregenz 5.5 27.0
7. IM Michal Luch 2398 SK Zehlendorf 5.0 28.5
8. Gedeon Hartge 2147 USV Halle 5.0 28.5
9. Gunnar Johansson 2201 Solna Schacksällskap 5.0 28.5
10. GM Mikhail Ivanov 2380 SF Bad Mergentheim 5.0 27.5
….
30. Christof Beyer 1977 SK König Plauen 4.0 27.5

Christof Beyer

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letzte Aktualisierung am 17. März 2019