Kolumne: Kupferfinne und sadistische Streifen...

Kupferfinne und sadistische Streifen oder die Rache des Enterbten
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"Ein Elend liegt darin, eine Schmutzschicht aus Schulmeisterei und Inquisition."
(Edmond & Jules de Goncourt)
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Der polnische Internationale Meister Piotr Dobrowolski hatte gerade das Licht der Welt erblickt, als in einem kleinen Ort in der Nähe von Wrocław ein großes Schachturnier stattfand, welches A-Trainer Holger Borchers unvergesslich geblieben ist. Die Anekdote ist in der Erinnerung das Salz in der Suppe oder wie es schon die beiden klatschsüchtigen Pariser Brüder und Bohemiens, Edmond und Jules de Goncourt, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausfanden: der Groschenbasar der Geschichte.

Gespielt wurde damals in einem Gebäude auf vier Etagen. Ganz oben bei den stärksten Spielern in der 4. Etage wurde der beste Service geboten. Dort schwebten Kellner ans Brett und bedienten die Spieler zuvorkommend an Einzeltischen. In der 3. Etage konnte man auch noch etwas bestellen, aber die Spieler saßen schon recht gedrängt in Tischreihen und rempelten sich in der Enge manchmal an. Holger Borchers’ Erinnerung verfinsterte sich auf einmal, als er gedanklich in die 2. Etage hinabstieg. Das Niveau verschlimmerte sich betont gänzlich. Unten in der 1. Etage, wo sich die Gaststätte befand, gab es kein Halten mehr: »Dort jing’s janz schmuddelig zu: Die Besoffenen torkelten herum, und aus der Toilette kamen immer janz üble Jerüche raus.« Deshalb war es für das Wohlbefinden und den Geruchssinn ungeheuer bedeutsam, so lange wie möglich ganz oben in der 4. Etage auszuharren. Holger Borchers erinnerte sich an eine gespielte Partie, in der er im 17. Zug Remis anbot, was für ihn ganz ungewöhnlich war. Es befanden sich zwei Leichtfiguren und sonst nur noch Bauern auf dem Brett, und darauf verspürte er keine Lust mehr. Sein Gegner lehnte das Angebot jedoch ab, und so wurde die Partie konsequent fortgesetzt. Im 120. Zug bat er den Schiedsrichter »janz korrekt« um neue Partieformulare. Der Schiedsrichter hatte längst erkannt, dass in wenigen Zügen nur noch die beiden Könige und der einsame Springer des Berliners auf dem Brett übrig blieben. Er wies Holger Borchers darauf hin, dass sich zwei neue Partieformulare nicht mehr lohnen würden. Stattdessen sollte er Remis anbieten. Holger Borchers erklärte dem Schiedsrichter, dass er bereits vor 103 Zügen Remis angeboten habe, welches sein Gegner aber ablehnte. Fünf Züge später endete die Partie remis. Auf dem Brett standen nur noch die beiden Könige und das fahle Pferd. Mit dem Remis verteidigte Holger Borchers erfolgreich einen halben Punkt und gleichzeitig seine Existenz in der 4. Etage. Seinem Gegner nach einem abgelehnten Remisangebot später selbst nicht noch einmal Remis anzubieten, ist für ihn ein Ehrenkodex, den er in seinem Schachleben immer beherzigt hat. Heute reicht er ihn an den Schachnachwuchs anekdotisch weiter.

Das Äskulap-Turnier im Jugendhaus Wartburg kommt traditionell mit ganz wenigen Treppenstufen aus. Es breitet sein Niveau im Hochpaterre aus und überlässt Atemnot lieber dem Spielgeschehen. Zur 36. Auflage meldeten sich 92 Spieler an – erstmalig seit dem Jahr 2011 sank die Teilnehmerzahl unter 100. Doch wer ein ruhiges Turnier erwartete, wurde mitten im Verlauf kalt vom Gegenteil erwischt, als das Hauptgeschehen, das sonst nur auf die Schachbretter gehört, aus heiterem Himmel abseitig wurde. Zum Osterturnier reisten wieder genügend internationale Titelträger an, darunter drei Großmeister, sechs Internationale Meister, eine Internationale Meisterin sowie fünf FIDE-Meister, mit denen sich besonders die ehrgeizigen Jugendspieler messen wollten.

»Ich nehme alles«, antwortete Großmeister Vladimir Sergeev (2399, SK Bregenz) bei seiner Anmeldung missverständlich auf die Frage, welche Wahl er für das Mittagessen der kommenden Tage treffen möchte. In der Garderobe ging es nicht darum, ob der Gewinner alles bekommt. Als habe ein junger Kellner im Patrizierhaus St. Jonathan diese Botschaft aus der Ferne aufgeschnappt, wurde dieser am nächsten Abend ungefragt und nassforsch noch etwas aus nächster Nähe von seinem leeren Tablett los: »Wenn Sie dran sind, sind sie dran.« Solch Görlitzer Bewirtungscharme gilt wiederum höchstens beim Schach zum regulativen Selbstverständnis. Dort hätte der Kellner Recht gehabt, wo er Recht hat.

Dr. Peter Möller (DWZ 2015, HSG Uni Rostock) war wieder am Sonnabend der Vorwoche nach Görlitz gereist und sein Gepäck mit Hermes ihm wieder voraus. Dieses Mal kam es pünktlich an, damit auch sein Unterhaltungsprogramm: zwei Miss-Marple-DVDs. »Zu Agatha-Christie-Filmen gibt es kein Bier, sondern immer Wein.« Und so trank er in seinem Hotelzimmer davon genüsslich zwei Flaschen – dieses Mal sogar für 30 Euro aus der Minibar. In seiner Kindheit nahm er den Genuss noch anders auf. Als 12-Jähriger war er adipös, denn nach dem Mittagessen in der Schule gab es zu Hause noch einmal frisch Gekochtes auf den Teller. Doch dann disziplinierte er sich, auch weil Mitschüler grausam sein können, und nahm innerhalb von vier bis sechs Wochen 25 Kilo ab. Solchen Gewichtsverlust kannte er später nur noch von seinem Sparschwein. Was er nicht wusste, dass man beim Abnehmen nicht nur Fett verliert, sondern auch Muskeln abwirft. »Als ich Liegestütze machen wollte, fiel ich plötzlich auf die Schnauze.«

Dank der Mithilfe des Nachwuchsspielers Paul Emil Gutewort (1790, SF Nordost Berlin) im aufwändigen Damenendspiel gelang der Äskulapauftakt für Dr. Peter Möller wunschgemäß. In der 2. Runde beschäftigte er IM Piotr Dobrowolski (2419, KSz Polonia Wrocław) mit seinem geliebten Londoner System einfallsreich. Kurz vor der Zeitkontrolle goss er in beiderseitiger Zeitnot mit einem beherzten Qualitätsopfer ein dickes Tröpfchen Öl ins Feuer. Dazu beseitigte er den gegnerischen Springer, um den eigenen mitten auf der 6. Reihe prominent und wirkungsvoll zu installieren. Der Internationale Meister fühlte sich unbehaglich, denn er erkannte, dass seine Mehrqualität auf Kompensation traf, er also Geduld benötigte, um ihr irgendwann doch Geltung zu verschaffen. Nach einem ungenauen Königszug in Kombination mit einer voreiligen Bauerneroberung entglitt dem Rostocker Stammspieler jedoch noch das Gleichgewicht – wie ehemals bei seinen Liegestützen. Danach machte sich bei ihm leichte Enttäuschung breit: »Heute habe ich ein Fünftel DWZ-Punkt verloren«, rechnete er am dritten Turniertag nach der 5. Runde aus. »Mein schlechtestes Görlitz-Turnier ever«, resümierte er gar am Ende, auch weil seine Wertzahl danach unter 2.000 rutschte. Dabei glaubte er fest daran, das Punktepolster würde ihn locker tragen.

Die schnellste entschiedene Partie, in der auch noch Schwarz zum Erfolg kam, wurde gleich in der 1. Runde zwischen Eckhard Wolf (1827, SC Lerchenberg/ZMO) und Großmeister Gerald Hertneck (2472, MSA Zugzwang 82) ausgetragen: »Mein Gegner hat nicht mit seinen Figuren gesprochen.« Und so endete diese Miniatur am Spitzenbrett bereits nach elf Zügen, als sich die Folge des schweren Eröffnungsvergehens zwischen Leichtfiguren- und Damenverlust klar abzeichnete. Nur unwesentlich länger dauerte in der 3. Runde das Geschehen zwischen dem U12-Spieler Max Freude (1725, SV Empor Berlin) und Fred Heintel (1830, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz). Ein unachtsamer Springertausch brach dem Äskulaperfahrenen sofort das Genick und echote nach dem kraftvoll-krachenden Turmopfer des Berliner Äskulapdebütanten in die Königsstellung knackend durch den ganzen Turniersaal. Für den U14-Spieler Gero Schulemann (1840, USV Halle) war es bereits die dritte Turnierteilnahme. Nachdem Elisa Silz (1958, SV Empor Berlin) in derselben Runde im Najdorf-Sizilianer eine taktische Chance ausließ, beeindruckte sie der junge Hallenser mit einem schnörkellosen Mattangriff. Der französische Supergroßmeister Maxim Vachier-Lagrave spendete anlässlich des Sinquefield-Cups in St. Louis Trost für alle Najdorf-Liebhaber: »As long as the doctor doesn’t tell me to stop playing the Najdorf I probably will!« Welche taktischen Finessen selbst noch in einem Bauernendspiel versteckt liegen, erfuhr Andreas Berthold (2091, SV 1892 Schwarzheide) gegen Erwin Grund (1829, SV Ottendorf-Okrilla) in der 6. Runde, als er äußerst schmerzhaft auf dem falschen Fuß erwischt wurde, Ungemach am Königsflügel aufzog gegen die arglose Laufrichtung seines Königs auf den Damenflügel, der dort insgeheim immer noch auf mehr lauerte als nur ein brotloses Unentschieden.

Gedeon Hartge (2185, USV Halle) legte nach den ersten drei Runden mit 2½ Punkten ein soliden Turnierstart hin. Es folgten zwei ungefährdete Punkteteilungen mit dem lettischen Großmeister Ilmars Starostits (2457, Rezekne) und FIDE-Meister Hans Möhn (2362, USV TU Dresden) sowie ein müheloser positioneller Sieg gegen Rainer Röhl (2020, SF Schwerin). In der letzten Runde stand am 3. Brett gegen IM Piotr Dobrowolski somit eine Platzierung weit vorn auf dem Spiel. In beiderseitig hochgradiger Zeitnot entwickelte sich ein spannender Krimi, den beide Spieler vor der Zeitkontrolle hätten für sich entscheiden können – Gedeon Hartge im Mittelspiel und IM Piotr Dobrowolski nach dem Übergang ins Endspiel. Ein Springeropfer und ein Bauernopfer auf der 5. Reihe. Beide Opfer wurden verschmäht, die dadurch zweimal wieder zurück ins Gleichgewicht pendelnde Partie aber ausgekämpft, bis sich nur noch beide Könige auf dem Brett befanden. Mit fünf Punkten und einer guten Wertung erreichte der Hallenser Nachwuchsspieler den 10. Platz und blieb auch bei seiner zweiten Äskulapteilnahme ohne Niederlage. Es lief wieder gut für ihn, nur von seiner Erinnerung ließ er sich überlisten. Sie spielte ihm einen lustigen Streich. Der 8. Platz bei seinem Äskulapdebüt im Vorjahr war ihm erinnerlich geblieben, aber da lief jemand zur Begrüßung über seinen Weg, der ihm bekannt vorkam. Doch woher? Düsseldorf. Deutsche Vereinsmeisterschaft U20. Analyse. Richtig. »Ich erinnere mich jetzt wieder, wer Sie sind. Sie sind der Vater von Daniel Zähringer.« Die familiäre Atmosphäre des Äskulap-Turniers ist sprichwörtlich Fluch und Segen. Wenigstens die Vaterschaft an Clemens Beyer (1555, Barnimer SF im SV Stahl Finow) konnte inzwischen glaubhaft ausgeräumt werden.

Für den 16-jährigen Pavel Haase (2129, SC 1868 Bamberg) war es bereits die sechste Teilnahme. Er gehört zu den Spielern, die gleich beim ersten Mal Aufmerksamkeit anzogen, obwohl die Platzierung noch dreistellig ausfiel. Seitdem steigerte der junge Tscheche seine Leistung von Jahr zu Jahr deutlich. Nach einer Pause im Jahr 2017 und einem etwas schwächeren Auftritt im Folgejahr präsentierte er sich dieses Mal wieder in blendender Spiellaune. Nach zwei glatten Auftaktsiegen überraschte er Vorjahressieger IM Paul Hoffmann (2362, USV TU Dresden) im Mittelspiel des Londoner Systems mit einem einfallsreichen Einschlag auf f7, brachte ihn zu langem Nachdenken und mit zwei gesunden Mehrbauern im Endspiel in höchste Gefahr. Um die drohende Niederlage wenigstens noch zu einem Unentschieden abzuwenden, musste der Dresdner seine ganze Erfahrung und Cleverness in die Waagschale legen. Gegen FIDE-Meister Maximilian Paul Mätzkow (2229, ESV 1949 Eberswalde) geriet er in der nächsten Runde im Endspiel selbst stark unter Druck, verpasste zwei aktive Möglichkeiten, die Stellung mit demselben Bauernzug auszugleichen und konnte schließlich das Turmendspiel mit einem Minusbauern nicht mehr verteidigen. Mit einem mühelosen Weißsieg gegen Benno Pankrath (1917, SV Grün-Weiß Wittenberg-Piesteritz) kämpfte sich Pavel Haase aber sofort wieder aussichtsreich ins Turnier zurück. Gegen den Internationalen Meister Cliff Wichmann (2256, ESV Nickelhütte Aue) ließ er ein weiteres Remis folgen. Den Mehrbauern im Grünfeldinder verteidigte er mit Schwarz sehr zäh und gab ihn erst her, nachdem er alle Drohungen umsichtig parierte und sich die Stellung vollständig vereinfachte.

In der letzten Runde gelang ihm gegen den dritten Internationalen Meister, den Litauer Virginijus Dambrauskas (2277, VSBK NSEL30), eine schlechte Stellung sogar komplett zu drehen. Dafür opferte er zuerst eine Qualität und anschließend einen Springer hinterher. Wiederum hatte er sich mit adlerscharfem Blick als Ziel den Schwachpunkt f7 auserkoren. Das Springeropfer nahm Schwarz nicht an, vergaloppierte sich stattdessen selbst und lief auf dem längst entzündeten Brett mit dem aufgescheuchten König einzügig ins Matt. Dieser Partiesieg bescherte Pavel Haase den 9. Platz – sein bisher größter Erfolg in Görlitz. Um ein Haar hätte er auch noch den ukrainischen Großmeister Vladimir Sergeev hinter sich gelassen. Dreistellige, zweistellige und einstellige Platzierungen hatte er nun in jugendlicher Reihenfolge miterlebt und selbst erkämpft. Das schaffte außer ihm bisher nur der brandenburgische FIDE-Meister Maximilian Paul Mätzkow.

Großmeister Vladimir Sergeev kehrte kopfschüttelnd aus der Herrentoilette zurück: »Winning endgame, finishing draw.« Und dachte dabei schweigend: »Losing price money.« FM Maximilian Paul Mätzkow hatte in diesem langen Turmendspiel tatsächlich viele bange Momente zu überstehen. Der hochkonzentrierte Widerstand ging am ukrainischen Großmeister nicht spurlos vorüber. Dieser zeigte sich gewohnt kompromisslos, aber überraschenderweise nicht entscheidungsfreudig und ließ so eine Chance nach der anderen verstreichen. Das Remisangebot lehnte er sogar noch zum Zeitpunkt der gegenseitigen Damenumwandlung ab. Drei Züge später standen nur die beiden Könige auf dem Brett. Der Wille war da, doch die Angst lähmte den Schritt. Mit einem halben Buchholzpünktchen mehr auf dem Konto schob sich der jüngst im Januar erst frisch gebackene FIDE-Meister am Ende sogar noch am ukrainischen Großmeister vorbei und landete auf dem 7. Platz. Damit wurde er erfolgreichster Nachwuchsspieler.

Während der sonnigen Mittagspause am Karfreitag kroch ein voll beladener weißer Reisebus die Johannes-Wüsten-Straße empor, verlangsamte seine Fahrt immer mehr, stoppte, fuhr an, stoppte wieder und hupte schließlich hilflos, weil der Busfahrer unmöglich die beiderseitig parkenden Autos passieren konnte. Da eine Erhörung des ohnmächtigen Hilferufs weder auf der einen noch auf der anderen Straßenseite zu erwarten war, wiederholte sich diese Prozedur mehrmals hintereinander: anfahren, stoppen und hupen. Immer wieder heulte der Motor hilflos auf und resignierte schnaufend. Zurückrollen, um neuen Anlauf zu holen, verlieh den zum Scheitern verurteilten Mobilitätsversuchen nur noch mehr klägliche Vergeblichkeit. Zwischendurch stiegen der Busfahrer und einige Insassen ein und aus. Es wurde wild gestikuliert. Mancher ließ es sich bei der Gafferei nicht nehmen, den Eindruck zu erwecken, der bessere Busfahrer zu sein. Plötzlich kam Lea Fritsch (1583, USV Halle) aus dem Jugendhaus Wartburg heraus. In bestem Fridays-for-future-Alter schien sie an diesem Tag pflichtbewusst die Bühne zu betreten, lief auf dem Vorplatz der Wartburg zielstrebig an den Zaun und blickte von dort oben erhaben mit ihren beiden im Wind kichernden langen Zöpfen auch ohne Worte vielsagend auf die erbärmliche Straßenszene herunter. Die Evolution schneidet alte Zöpfe ab, die Revolution gleich den ganzen Kopf, musste sich wohl der Busfahrer bei ihrem als drohend empfundenen Anblick gedacht haben. Jedenfalls wurde es plötzlich ganz still auf jener Straße, in der unterhalb Großmeister Lothar Vogt aufgewachsen ist. Der Bus rollte wie von Geisterhand gezogen wieder rückwärts die Straße zurück, auf der er hochgekrochen war. Der Umwelt und der Problemlösung zuliebe ohne Motor geräuschlos retour. Nicht jede Auffahrt führt zur Unsterblichkeit, aber manche Abfahrt zur rückwärtigen Einsicht durch Erfahrung. Diese Art stummer Beiwohnung sollte wohl auch ihre Vereinskameradin Kristin Dietz (1830, USV Halle) beflügeln. Die 13-jährige Hallenserin eroberte nach einem Versehen Till Heistermanns (2139, SG Leipzig) im Mittelspiel einen Läufer und verteidigte diese Mehrfigur bis ins Endspiel. Doch dort scheiterte sie dieses Mal noch an der größeren Disziplin und reicheren Erfahrung des Leipziger Oberligaspielers.

Am Vormittag des vorletzten Turniertags erschienen zwei Polizisten im Turniersaal, die von den konzentrierten Schachspielern kaum wahrgenommen wurden. Die ungewöhnlichen Besucher kamen jedoch nicht als Schachinteressierte, sondern mit dem Auftrag, für nichts Geringeres zu sorgen als den sofortigen Turnierabbruch. Introvertierte Schachspieler als Störer der Feiertagsruhe, so lauteten der unglaubliche Vorwurf und die daraus abgeleitete Gefahr im Verzug. Der Präsident des Görlitzer Schachvereins, Matthias Grall, durchschaute sofort, welch bitteres Übel sich über dem Äskulap samt jahrzehntelanger Turniertradition zusammenbraute und verweigerte den vom Landratsamt so begehrten Turnierabbruch. Stattdessen bot er seine aufrechte Bereitschaft an, sich wie ein Schwerverbrecher in Handschellen abführen zu lassen, sobald die von ihm angerufene Presse vor Ort sei. Er hielt es für geboten, das ungeheuerliche Verlangen öffentlich anzuklagen und handelte geistesgegenwärtig. Als die Polizisten im Gang des Jugendhauses Wartburg indes auf die empathische Botschaft des Görlitzer Oberbürgermeisters, Siegfried Deinege, aufmerksam wurden, hielten sie erstaunt inne, schauten sich beide zweifelnd an, schüttelten ungläubig ihre Köpfe und fragten sich nüchtern, was sie hier eigentlich tun. Danach verließen sie peinlich berührt den friedlichen Ort ohne Tat, an dem vorsätzlich das Sächsische Sonn- und Feiertagsgesetz missachtet worden sei. Die erhobenen Vorwürfe gegenüber dem Veranstalter klangen absurd: die aus der großen Teilnehmerzahl verbundene öffentlich wahrnehmbare Unruhe und Verkehrszunahme bei An- und Abreise sowie die Behinderung der Teilnehmer an ihrer freien Religionsausübung. Als Begründung wurde die Kreuzigung Jesu Christi angeführt, sein Leiden und Sterben am Kreuz, mit dem er freiwillig die Sünden der Welt auf sich nahm, weshalb Gedenken und Erinnerung an das erbrachte Opfer von Stille und von der Erwartung der baldigen Auferstehung Jesus geprägt sind. Außerdem wurde von der Störung seelischer Erhebung und Wertebeziehung schwadroniert und deshalb ein Zwangsgeld von 300,- Euro angedroht und eine Verwaltungsgebühr in Höhe von 80,- Euro sowie Auslagen in Höhe von 3,13 Euro erhoben. Es ist jener erhobene Teleskopzeigefinger, der sich bei nächster Gelegenheit mit seinem ganzen moralischen Anspruch ins Rektum der Schutzbefohlenen bohrt. Ein Elend lag darin, eine Schmutzschicht aus Schulmeisterei und Inquisition in weltlicher Hinsicht. Die Turnierteilnehmer reisten spätestens am Mittwoch nach Görlitz. Es bleibt also äußerst rätselhaft, woher am Karfreitag die wahrnehmbare Unruhe durch Verkehrszunahme in der Stadt mit 56.000 Einwohnern gekommen sein soll. Höchstens vom weißen Reisebus, der in die Flucht geschlagenen wurde. Da sich die Teilnehmer freiwillig für das Turnier anmeldeten, kann auch nicht in Rede stehen, die ungehinderte Ausübung der Religion sei eingeschränkt. Der freie Wille des aufgeklärten Individuums ist das größte Gift für jede auf Seelenhascherei ausgerichtete Religion. Wenigstens das dazu angehörte Bischöfliche Ordinariat hielt sich mit Einwänden zurück. Eine weise Entscheidung im Hinblick auf die unzähligen schamlosen Schweinereien, in denen die katholische Kirche lustvoll drinsteckt. Das Evangelische Pfarramt entblödete sich dagegen nicht mit seiner Empfehlung, sich sogar noch über das Gesetz zu stellen, und also den Karsamstag zusätzlich in das Vergnügungsverbot und die seelische Erhebung des Karfreitags einzubeziehen, wohltemporär er diesjährig auf den 20. April fiel. Hierbei muss man sich zunächst die Augen reiben und sich dann klar vor Augen führen, dass wir uns nicht mehr im mittelalterlichen Zeitalter vor dem Buchdruck befinden, sondern mitten im aufgeklärten 21. Jahrhundert. Die sogenannten Würdenträger dürfen zum Machterhalt zwar keine Hexen mehr verbrennen, aber seelische und körperliche Vergewaltigung immer noch ungestraft begehen, ohne sich also zu verbrennen, euphemistisch formuliert: seelische Erhebung und körperliche Ertüchtigung. Die Kirche beruft sich in ihrer moralischen Verkommenheit ausgerechnet auf das Recht, von dem sie sich selbst vehement entzieht. Der kirchlich-institutionelle Machterhalt über zweitausend Jahre, der nicht auf Sand gebaut ist, sondern auf einem einzigen Mythos, lässt bis heute keine Trennung von Kirche und Staat zu und ist stattdessen von täglicher Besitzergreifung und Sinnentleerung geprägt. Schäbige Erfüllungsgehilfen gehen der Kirche dienstbar zur Hand und treten geistiges und kulturelles Engagement ehrenamtlicher Organisatoren und Helfer mit Füßen. Am liebsten möchte man lauthals rufen: »Rocky, fass«, wenn er nicht schon selbst jenseitig wäre. Doch jede Sache hat auch eine positive Seite: Noch nie war das Schachspiel so nahe dran, als Sport anerkannt zu werden wie in diesen Ostertagen – wenn auch nur durch Heimtücke, denn öffentlich zur Schau vorgetragener Sport und Tanz sind am Karfreitag gesetzlich verboten. Die Rettung des in seiner Existenz bedrohten Äskulap-Turniers kann also nur törichterweise in einem Oxymoron gefunden werden, sich Widersprechendes als Kompositum: ein geschlossenes Open.

Es war auch ein Kreuz, wie Peter Heinrichsen (1743, Gautinger SC) in der letzten Runde gegen Viktor Schäfer (1807, SV Gambit Kamenz) die Früchte seiner besten Turnierleistung aus der Hand gab. In der Neuauflage des Duells mit vertauschten Farben stand er mit einem Bonusläufer materiell auf Gewinn. Bis dahin agierte er umsichtig und hatte viel richtig gemacht. Schließlich brauchte er nur noch ein paar Schlüsselfelder zu bewachen und einen vorgerückten d-Bauern zu beachten, der sich allerdings vor dem Umwandlungsfeld viel größer machte als er in Wirklichkeit war. Von dieser scheinbaren Übergröße ließ sich der Münchener mächtig täuschen, zumal ausgerechnet seine Dame die unangenehme Rolle als Blockadefigur auf der Grundreihe übernehmen musste. Nach fehlerhaftem Versuch, die Dame von dieser undankbaren Aufgabe zu erlösen, erlaubte er unausweichliches Dauerschach – die Unausweichlichkeit infrage zu stellen, war der zweite Fehlgriff und kam der Niederlage gleich. Damit schlug sich Peter Heinrichsen dieses Mal unter Wert: »Nächstes Jahr spiele ich nur noch gegen Leute, von denen ich nicht vergewaltigt werde.«

In der vorletzten Runde kam es im Spitzenduell der beiden Führenden gleichzeitig zur farbgleichen Wiederauflage des Vorjahres. GM Gerald Hertneck und IM Paul Hoffmann hatten mit 4½ Punkten bereits einen halben Zähler Vorsprung auf das sechsköpfige Verfolgerfeld. Würde GM Gerald Hertneck erfolgreich Revanche nehmen oder IM Paul Hoffmann erneut zuschlagen? Ein Sieg für einen der beiden Spieler brächte jedenfalls die Vorentscheidung im Turnier.

Es wurde der erwartet harte Kampf, in dem GM Gerald Hertneck den Vorjahressieger aber vor allem auf der Uhr unter Druck setzten konnte. Stellungsmäßig begann ihm ab dem 30. Zug dagegen die Position allmählich zu entgleiten. IM Paul Hoffmann übernahm die Initiative auf dem Königsflügel und brachte dort seine Figuren immer bedrohlicher in Stellung. Kurz vor dem Kontrollzug spürte er wohl, dass diesmalig erneut eine dicke Gewinnchance in der Luft lag, in der Zeitnot entschlüpfte sie ihm jedoch. Kurz danach einigten sich beide Spieler auf Zugwiederholung. »Paul Hoffmann ist ein gefährlicher Konterspieler. Wenn er Kh8 statt Dg6 spielt, stehe ich auf Verlust – oder vorher Df6, weil das zusätzlichen Druck auf f2 ausübt.« Gerald Hertneck lokalisierte diese brandgefährliche Stelle noch während des Aufatmens. Da die Partien der Verfolger ebenfalls alle unentschieden ausgingen, änderte sich an der Ausgangssituation vor der letzten Runde nur das Anwachsen des Verfolgerfeldes um zwei weitere Aspiranten auf den Turniersieg. Die beiden Führenden scheuten unnötiges Risiko und remisieren ihre Partien umgehend: IM Paul Hoffmann mit IM Kamil Stachowiak (2438, SK Zehlendorf) in fünf Zügen und GM Gerald Hertneck mit GM Ilmars Starostits in acht Zügen. Aus dem Verfolgeroktett konnte nur noch IM Oleg Krivonosov (2388, TSV Schott Mainz) nach seinem Schwarzsieg gegen FM Hans Möhn zum Führungsduo aufschließen.

Um Gewissheit zu bekommen, wer dieses Mal die Nase vorn hatte, musste nur noch die längste Partie des Abends sowie des gesamten Turniers zwischen Nachwuchsspieler Ian Joshua Buller (1984, SV Glück auf Rüdersdorf) und Bernd Grill (2163, SV Ebersbach) abgewartet werden. Das erforderte von den Spielern und Zuschauern allerdings Geduld bis zum 100. Zug. »Das passiert mir schon zum dritten Mal, dass ich die letzte Partie spiele«, verriet der spätere Partiegewinner Bernd Grill. Die Partie selbst nahm aber nur noch Einfluss auf das Turnierende, nicht auf den Turnierausgang. Vor der Siegerehrung war das beste Werbung für kämpferisches Schach bis zum Schluss. Peter Heinrichsen nutzte die Gelegenheit, um den Unterschied zwischen einer Säufernase und einer Kupferfinne zu erklären. Optisch sind sie zwar zum Verwechseln ähnlich, doch nüchtern betrachtet sehr unterschiedlich. Die Kupferfinne vermag auf dem Turniersaalparkett, sadistische Streifen als Zeichen mächtiger Liebe zu erkennen, die Säufernase hingegen lediglich eine strenge Pose in weiblicher Hose vermutet und übereilt Pläne schmiedet.

Gerald Hertneck gewann das Äskulap-Turnier zum dritten Mal, mit einem winzigen halben Buchholzpünktchen Vorsprung – so wie er voriges Jahr mit einem halben Buchholzpünktchen unterlag. »Die Rache des Enterbten«, resümierte er beim Siegerbier mit einem schelmischen Lachen. In der letzten Runde holten seine Gegner kaum Punkte, so dass sich sein Vorsprung in der Buchholzwertung fast vollständig auflöste. Der Turniersieg hing an einem seidenen Faden. Es wäre nicht auszudenken, würde sich Bernd Hiemer (2011, SV Muldental Wilkau-Haßlau) in der letzten Runde gegen Benno Pankrath nicht so grob vergriffen haben.

Als im Angesicht figürlichen Asperger-Syndroms auch noch auf Freude eine Vereinspaarung folgte, aber naturgemäß eben nicht Freude nach einer solchen Vereinspaarung entstehen konnte, wichen beim siebenrundigen Speeddating der dargebotene Genuss vom eigenen Geschmack und die Formsprache von der Sprachform offenkundig deutlicher voneinander ab als der Erwartungswert ans Auslosungsprogramm hinsichtlich ganz selbstverständlicher Bestechlichkeit. Die Tour nach Görlitz war zwar länger als bei Dr. Peter Möller, die 600 Kilometer reichten auch für eine ungeahnte Tortur auf dem Parkett, distanzierten sich allerdings noch lange nicht weit genug, dem Auslosungsprogramm statt einer zweisamen Ebersbacher Herkunft eine zwieträchtig israelisch-iranische vorzugaukeln. Bei derartigen Verrenkungen kann man nur mit verlorenem Gesicht auf die Schnauze fallen. Die tschechische Internationale Meisterin und Äskulap-Debütantin Vera Medunova (2039, SK Rothenburg) war beim Paarungsverhalten keine Seelentrösterin. Ob sie die Ehefrau des Großmeisters Eduard Meduna ist? »Das war einmal. Großmeister sind eine sehr eigene Spezies.«

XXXVI. Äskulap-Turnier in Görlitz (A-Gruppe, 92 Teilnehmer)

Rang Teilnehmer TWZ Verein Punkte Buchholz
1. GM Gerald Hertneck 2490 MSA Zugzwang 82 5.5 29.0
2. IM Paul Hoffmann 2390 USV TU Dresden 5.5 28.5
3. IM Oleg Krivonosov 2398 TSV Schott Mainz 5.5 27.5
4. GM Ilmars Starostits 2457 Rezekne 5.0 29.0
5. IM Kamil Stachowiak 2439 SK Zehlendorf 5.0 28.0
6. IM Piotr Dobrowolski 2419 KSz Polonia Wrocław 5.0 28.0
7. FM Maximilian Paul Mätzkow 2328 ESV 1949 Eberswalde 5.0 28.0
8. GM Vladimir Sergeev 2399 SK Bregenz 5.0 27.5
9. CM Pavel Haase 2129 SC 1868 Bamberg 5.0 27.5
10. Gedeon Hartge 2209 USV Halle 5.0 26.0
….
34. Christof Beyer 2010 SK König Plauen 4.0 23.0

Christof Beyer

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letzte Aktualisierung am 14. April 2020